formen, welche mit den Namen Ha­ nusch und Bauer verbunden sind, durchsetzten, stieg der Organisations­ grad der Freien Gewerkschaften stark an. Diese Aufwärtsbewegung hielt auch im Jahr 1921 an, das von Kämp­ fen um die Verteidigung der Reallöhne gegen die sich schwindelerregend be­ schleunigende Inflation geprägt war. Die Mitgliederzahl stieg von 772 .000 Ende 1919 auf den Höchststand von 1 ,098 .000 Ende 1921 . Ab dieser Zeit befanden sich die Freien Gewerkschaften beständig in der Defensive. Die Christlichsozialen kündigten die "Beseitigung des revo­ lutionären Schutts" an und demon­ tierten demgemäß schrittweise die so­ zialen Reformen. Reallohnverluste und hohe Arbeitslosigkeit sowie sin­ kender politischer Einfluß ließen den Nutzen einer Mitgliedschaft bei den Freien Gewerkschaften zunehmend fragwürdig erscheinen. Deren Mitglie­ derstand fiel bis 1926 kontinuierlich auf 756 .000 . Mit dem Einsetzen der schweren Wirtschaftsdepression beschleunigte sich der organisatorische und politi­ sche Niedergang der Freien Gewerk­ schaften. Aus der Verteidigung der so­ zialen Errungenschaften wurde rasch ein verzweifelter Kampf um die Exi­ stenz dieser Arbeitnehmerorganisatio­ nen. 1932 belief sich die Zahl der Mit­ glieder auf nur noch 520 .000 . Nach dem militärischen Sieg über die Arbei­ terbewegung im Februar 1934 löste das autoritäre Regime die Sozialdemo­ kratischen Gewerkschaftsorganisa tio­ nen auf. In den Jahren 1918 bis 1920 war der Staat gleichzeitig Adressat und Vehi­ kel (frei-)gewerkschaftlicher Politik, was sich in den arbeits- und sozial­ rechtlichen Reformen niederschlug. Unter dem Druck der politischen Machtverhältnisse waren die Unter­ nehmer zur Anerkennung der Gewerk­ schaften als gleichberechtigte Partner innerhalb der "paritätischen Indu­ striekomitees" bereit. Auch nach dem Austritt der SDAP aus der Regierung blieb die aktive Teilnahme am wirtschaftlichen Wie­ deraufbau erklärtes Ziel gewerk­ schaftlicher Politik. Aus der Sicht der Sozialdemokratischen Arbeitnehmer­ vertreter lag die Entfaltung des Kapi­ talismus auch im Interesse der Arbei­ terklasse, die mit jedem Schritt der in­ dustriellen Entwicklung ihrem histori­ schen Ziel näher rückte. Somit bildete das "Gesamtinteresse" der Österreichi­ schen Volkswirtschaft unabhängig von den politischen Machtverhältnissen den Orientierungsrahmen der freige­ werkschaftlichen Politik. Nur unter Berücksichtigung dieser grundlegen­ den Haltung werden die Reaktionen der Gewerkschaften auf die Maßnah­ men der Regierung verständlich. Die Auflösung der Industriekomi­ tees 1921 und die folgenden christlich­ sozialen Offensiven gegen die Positio­ nen der Arbeiterbewegung änderten nichts am grundsätzlich kooperativen Kurs der Freien Gewerkschaften. Eine Eskalation des Klassenkampfes von seiten der Arbeiterschaft wurde nicht in Erwägung gezogen, da sie darin eine Gefährdung der sozialen Errungen­ schaften erblickten. Die Problematik der gewerkschaftli­ chen Haltung trat bereits 1922 bei der Bewertung der Genfer Protokolle und des darauf aufbauenden Sanierungs­ plans zutage. Die Arbeitnehmerorga­ nisationen wiesen zwar den Regie­ rungsplan wegen der politischen und unmittelbaren sozialen Implikationen zurück, wollten die Sanierung an sich jedoch nicht behindern. Die SDAP stimmte im Parlament zu. Mit dem Zusammentreffen des kon­ junkturellen Tiefs mit der strukturel­ len Krise in den Jahren 1925/26 erwies sich die Hoffnung auf eine dem Wesen des Kapitalismus entsprechende Ge­ sundung der Österreichischen Wirt­ schaft und damit auch auf eine Lösung des Arbeitslosenproblems (1926 11 Prozent) als trügerisch. Die Ge­ werkschaften forderten eine expansive Wirtschaftspolitik, erwarteten aber ei­ ne vollständige Lösung der Krise nur 4 1 1