insbesondere die in der Sozialpartner­ schaft gemachte Erfahrung gezeigt, daß dem Volk die Konfliktscheu ihrer Spitzenpolitiker jedenfalls genützt hat." (S. 44 ff.) Die größte Gefahr für das in Öster­ reich im Vergleich zu anderen Län­ dern hohe Maß an Ausgewogenheit der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen sieht Ki­ enzl in den unübersehbaren Entsolida­ risierungstendenzen in fast allen Be­ reichen, die er als ein Produkt des Wohlstands erklärt, welcher viele Bin­ dungen an früher bestehende Kollekti­ ve aufgelöst hat: "Natürlich ist der Mensch, der im Auto, im Einfamilien­ haus, im Fernsehen, in der leeren Fa­ brik und im Büro vereinzelt ist, und vor allem im Auto den Mitmenschen als Gegner, zumindest als Konkurren­ ten um den Parkplatz und um das Überwechseln bei der Kreuzung sieht, ein anderer als jener, der in der Fabrik auf Gedeih und Verderb auf seinen Kollegen angewiesen war. Dazu kommt noch die Erziehung in der Kleinfamilie, womöglich als Einzel­ kind, und in der Schule, die junge Menschen mit einem Übermaß an Selbstbewußtsein erfüllt. Ihnen wird eingetrichtert, daß sie die Gewerk­ schaft nicht brauchen, sondern ihre Probleme mit dem Chef schon am be­ sten selber regeln können. Aber im tiefsten Grund ihres Bewußtseins rechnen sie damit, daß, wenn etwas schiefgeht, schon die Gemeinschaft helfen wird, sei es, daß sie sich um ei­ nen Arbeitsplatz sorgt, sei es, daß sie für selbstverursachte Krankheiten und Unfälle mit ihrem Gesundheits­ vorsorge- und Fürsorgesystem zu Hilfe kommen wird." (S. 87 f.) Hier sieht Kienzl eine wichtige Auf­ gabe vor allem für die Gewerkschafts­ bewegung darin, die Angewiesenheit des einzelnen auf die Gesellschaft und ihre Unterstützung in vielen Lebensla­ gen den Menschen wieder mehr be­ wußt zu machen und so dem um sich greifenden Floriani-Prinzip entgegen­ zutreten. 554 Gewisse Gefahrenzeichen für die Solidarität sieht Kienzl auch in der Gewerkschaftsbewegung, in vereinzelt erkennbaren Tendenzen, Gruppenvor­ teile durch Vorpreschen bei Lohnfor­ derungen zu erringen. In den meisten Fällen hätten sich solche Gruppen selbst geschadet, bei einer Aufgabe der solidarischen Lohnpolitik wären je­ doch für die Arbeitnehmer als Ge­ samtheit schwerwiegende Nachteile zu erwarten. Als wichtigstes Ziel ge­ werkschaftlicher Politik bezeichnet Kienzl in Zukunft weiterhin die Voll­ beschäftigung, nicht zuletzt deshalb, weil sie von rechts und links zuneh­ mend in Frage gestellt wird. Vollbe­ schäftigung wirklich zu wollen heißt aber auch, ihr andere Forderungen wirtschafts- oder sozialpolitischer Art erforderlichenfalls auch unterzuord­ nen. Soweit einige wichtige Grundzüge des wirtschafts- und sozialpolitischen Credos eines altgedienten Gewerk­ schaftsfunktionärs und Notenbankers, der zur Erfolgsstory der Zweiten Re­ publik nicht wenig beigetragen hat und die Fortsetzung der erfolgreichen Entwicklung der letzten viereinhalb Jahrzehnte auch in Zukunft für wün­ schenswert und möglich hält. Dennoch mischen sich in den generellen Opti­ mismus des Autors auch gewisse Zweifel, welche offenbar auch im Ti­ tel, bei dem ein leicht resignativer Un­ terton unüberhörbar mitklingt, zum Ausdruck kommen sollen. Die Skepsis hat offensichtlich auch psychologische Gründe, daß die mei­ sten Weggefährten und Mitkämpfer des Autors, die eine politische Orien­ tierung persönlich verbürgten, heute von der politischen Bühne abgetreten sind. Über das ganze Buch verstreut finden sich viele persönliche Reminis­ zenzen an Akteure der Wiederaufbau­ periode, welche der Lektüre des an sich schon flüssig geschriebenen Bu­ ches zusätzliche Würze geben. Teilweise scheint Kienzls Skepsis auch aus einer Überbewertung be­ stimmter Entwicklungen zu resultie-