Wirtschaft und Gesellschaft Weise. Es handelt sich um das von Bruno Schönfelder in die deutsche Sprache und auf deutsche Verhältnis­ se übertragene Buch "Economics of the Public Sector", 2nd. Ed., 1 988 von J oseph Stiglitz. Das Buch besticht durch eine Reihe von Vorzügen. Stig­ litz schöpft die Möglichkeiten bis zur Grenze aus, sehr komplexe Zusam­ menhänge und Argumentationen durch Graphiken ohne mathemati­ schen Aufwand zugänglich zu machen. Auch die Einfachheit hat ihren Preis, aber bei Stiglitz kann man sicher sein, daß bis zuletzt darum gerungen wur­ de, diesen möglichst niedrig zu halten. Dieser benutzerfreundliche didakti­ sche Ansatz ist so konsequent durch­ gehalten, daß man auf den ganzen 700 Seiten vergeblich nach einer mathe­ matischen Ableitung sucht. Stiglitz bleibt aber nicht nur in seinen Graphi­ ken, sondern - was oft noch schwieri­ ger ist - in seinen verbalen Erörterun­ gen äußerst exakt. Es wird schwerfal­ len, ihm irgendwo fehlerhafte Logik der Argumentation nachzuweisen. Der rigorose Verzicht auf formale Darstellungen sollte allerdings über eines nicht hinwegtäuschen: Das Ver­ ständnis der im Buch präsentierten Argumentationen impliziert eine nicht ganz oberflächliche Kenntnis von ent­ scheidungslogischen und markttheo­ retischen Grundlagen. Stiglitz' ge­ schickte Präsentation eröffnet zwar durchaus auch dem wenig Vorgebilde­ ten die Möglichkeit, sich Zusammen­ hänge "intuitiv" plausibel zu machen. Man sollte sich dabei aber im klaren sein, daß hinter sehr simpel aussehen­ den und ziemlich einfach erklärten Graphiken vielfach im Grunde kom­ plizierte Voraussetzungen und Argu­ mentationsmuster stehen. An einigen Stellen wird sich mancher Leser sogar fragen, ob die didaktisch begründete Vereinfachung nicht zu weit getrieben wurde, etwa bei der Darstellung des Harberger-Modells der Steuer-Inzi­ denz in einem rudimentären "allge­ meinen Gleichgewicht" . Es ist zu be- 244 1 8. Jahrgang (1 992), Heft 2 fürchten, daß die Abbildung zum "Harberger-Modell" auf S. 541 doch insofern zu stark vereinfacht, als das Wesentliche - nämlich die hinter der Kapitalangebotskurve im "körper­ schaftlichen Sektor" steckenden Zu­ sammenhänge - den meisten Lesern höchstens fragmentarisch und als vage Ideen bewußt werden. Denn die - rela­ tiv kurze - verbale Motivierung des Verlaufs dieser Kurven (sektorale Ka­ pitalintensitäten und Substitutionse­ lastizitäten) dürfte an dieser Stelle für einen wirklichen Einstieg in die Inter­ dependenzen des Modells nicht hinrei­ chen. Solches ist allerdings eher ein Ein­ zelfall. An den meisten Stellen wird indessen die Bewunderung für die er­ folgreich geübte Kunst der präzise bleibenden Vereinfachung alle Zweifel in den Hintergrund drängen. Die Ge­ fahr einer zu naiven Sicht theoreti­ scher Modelle wird überdies durch ei­ ne weitere bestechende Fähigkeit Stiglitz' gemildert. Mit wenigen siche­ ren Strichen vermag er theoretische Modelle - wie beim eben erwähnten Harberger Modell - zu relativieren und in eine Gesamtperspektive zu stel­ len. Er findet den Mittelweg zwischen unkritischer Paukerei - welche unter Umständen zu einer Ideologisierung von Modellen und Argumenten führt - und besserwisserischer Nörgelei, wel­ che dem Leser den Blick auf das trotz aller Problematik meist vorhandene Erklärungspotential verstellt und ihm den Anreiz zu einer wirklichen intel­ lektuellen Auseinandersetzung nimmt. III. Eigentliche Schwächen weist das Buch nicht auf. Durch in den in der neuen amerikanischen und der deut­ schen Auflage erfolgten Einbezug der Stabilisierungspolitik wird insgesamt ein abgerundetes Bild einer modernen Finanzwissenschaft präsentiert. Es wäre Beckmesserei, einem sol-