Wirtschaft und Gesellschaft interessen berührenden Gesetzent­ würfe um ihr Gutachten zu befragen wären, über die Arbeiterverhältnisse periodisch Bericht erstatten sollten und auch eine bestimmte Anzahl von Vertretern in den Reichsrat entsenden würden", entspricht im wesentlichen der Einrichtung der Handelskammern. In der Wirtschaftskrise nach 1873 versanden die Forderungen der Ar­ beitnehmer wieder in Vergessenheit. "Erst Victor Adler nimmt 1886 mit ei­ nem Beitrag über die Arbeiterkam­ mern und die Arbeiter" das Thema wieder auf. Es ist aber offensichtlich für die junge sozialistische Bewegung kein besonders wichtiges Anliegen. Andere Fragen wie vor allem das Wahlrecht oder auch die Nationalitä­ tenfrage stehen im Vordergrund. Erst in der bereits vom Untergang gekenn­ zeichneten Monarchie stellt Karl Ren­ ner in einem Artikel in der Arbeiter­ zeitung neuerlich die Frage zur Dis­ kussion: "Die Unentbehrlichkeit von Arbeiterkammern in der Übergangs­ wirtschaft" . Es ist in erster Linie den Rahmenbe­ dingungen des politischen und sozia­ len Umbruchs 1918-1920 zu verdan­ ken, daß es Ferdinand Hanusch in ei­ ner Reihe von sozialpolitischen Pio­ niertaten gelingt, am 26. Februar 1920 das Gesetz über die Errichtung von Arbeiterkammern im Parlament ein­ stimmig durchzubringen. Die Arbeiter und Angestellten sollen zu gleichbe­ rechtigten und gleichwertigen Staats­ und Wirtschaftsbürgern werden. Die junge Republik Österreich soll auch ihr Staat sein. Die Arbeiterkammer 1 8. Jahrgang (1 992), Heft 2 wird zum Symbol für die Integration der Arbeitnehmer in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Richtungs­ kampf innerhalb der Arbeiterschaft zwischen Revolution und Evolution ist eindeutig entschieden. Mit dem Hin­ ausdrängen der Sozialdemokratie aus der Regierung, dem Erstarken der konservativ-reaktionären Kräfte im Staat geht Hand in Hand das Bemühen der Herrschenden, die Mitbestim­ mungsmöglichkeiten der Arbeitneh­ merorganisationen wieder zurückzu­ schrauben. "Aufräumen mit dem revolutionären Schutt" heißt die Parole. Vielleicht ha­ ben auch auf Arbeitnehmerseite nicht alle von Anfang an begriffen, wie sehr der strukturelle gesellschaftliche und politische Wandel längerfristig die Stellung jedes einzelnen Arbeitneh­ mers verändern könnte und sollte. Massenarbei tslosigkei t, Wirtschafts­ krise, Zerstörung der Demokratie im Jahr 1934 beenden den Versuch des Miteinander anstelle des Gegenein­ ander. Bundeswirtschaftskammerprä­ sident und späterer Bundeskanzler Julius Raab und ÖGB-Präsident Jo­ hann Böhm waren die beiden Männer, denen es gelungen ist, in der Zweiten Republik unter maßgeblicher Mitwir­ kung der Interessenverbände der Ar­ beitgeber und Arbeitnehmer ein Mo­ dell der Sozialpartnerschaft aufzu­ richten, das bei allen Wenn und Aber, bei allen Fehlentwicklungen und bei aller Reformnotwendigkeit seine Lei­ stungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Rupert Gmoser 269