Wirtschaft und Gesellschaft ton der Bewunderung zu vermelden, daß der Guillotine "die Einfachheit und Universalität eines Axioms eignet: sie besteht aus den geometrischen Ele­ mentarfiguren Kreis, Rechteck und Dreieck" (S. 53}. Hier soll nun Burger gewiß nicht unterstellt werden, die von ihm selbst deklarierte "rationali­ stische Kälte des Terrors" zu befür­ worten (etwa nach jener Metapher, wo gehobelt wird, fallen Späne, die so große Rolle bei der Legitimierung der stalinistischen Opfer beim "Aufbau des Sozialismus" gespielt hat). Aber die Art, wie er die "qualvoll-endlose Hinrichtung des Damiens von 1757 , der Ludwig XV. einen Kratzer zuge­ fügt hatte" , mit der "Serie luzider Schocks" (sie ! ) des revolutionären Terrors kontrastiert, weist ihn doch als Meister des Euphemismus aus (S. 53). Freilich, der Beitrag stammt vom März 1989, ist also rückschauen­ de Revolutionsfeier für 1789. Aber daß darin der Terror als quasi unverzicht­ bares, ja geradezu beneidenswertes hi­ storisches Erbe figuriert, verwundert schon ein wenig. Burger stellt zuletzt (S. 57) die Frage, was es für das Selbst­ bewußtsein eines Volkes wie des Öster­ reichischen oder deutschen bedeute, "wenn es niemals als freies vor seiner eigenen Freiheit erschrak, sondern im­ mer nur vor seinen Herren?" Man könnte hier spontan einige Völker nennen, etwa die Schweden oder Schweizer, die auch ohne solche bluti­ ge Tradition ein beachtliches Selbst­ bewußtsein erkämpft haben . . . "Moral ist etwas für die kleinen Leute und sie sorgt dafür, daß sie klei­ ne bleiben." "Sie spart Kosten der Re­ pression, indem sie diese die Individu­ en an sich selbst verrichten läßt, gleichsam in unbezahlter Heimar­ beit ." Mit diesen brillanten Einlei­ tungssätzen fängt ein (Rezensions-) Beitrag an, der dem guten altlinken Topos des Antiphilisterturns huldigt. Opfer ist der christliche Ethiker Robert Spaemann, dessen Vorstel­ lungswelt Burger wie die "Hausord- 1 8. Jahrgang (1 992), Heft 2 nung eines Seniorenheims" erscheint. "Hier werden wieder Bindungen ge­ predigt und das zerrissene Bewußtsein der Moderne durch sanftes Handaufle­ gen geheilt ." Schön formuliert - aber Burgers materialistisches Eintreten für ein "Glück, das endlich ist, dafür aber real und im Diesseits" , ist ganz auf die Lächerlichmachung des bie­ deren Christenmenschen gerichtet und reflektiert nicht im geringsten die zwi­ schenmenschlichen Reibungsflächen der modernen Selbstentfaltungsethik. Auch dort, wo Burger sich dem "Verschleiß gleichsam naturwüchsiger Moralressourcen" zuwendet, der Er­ schöpfung traditionaler Sinn- und Verpflichtungssysteme durch den libe­ ralkapitalistischen Wirtschaftsprozeß, wird übrigens die "Tugend des Ter­ rors" (Saint-Just und Robespierre) für ihn zum Faszinosum. Hier freilich ringt er sich zum klaren Satz durch: "Die Politik spielt sich im Relativen ab und führt immer dann zu Katastro­ phen, wenn sie Ideale verwirklicht und moralisch rein bleiben will" (S. 89}. Was "das Grüne" betrifft, das Burger immerhin im Titel hat, so hält er es, man verzeihe den Kalauer (1} hier eher mit dem Wiesengrund als mit der Aubeset­ zung. Letztere ist für ihn ein "Initia­ tionserlebnis", das er sich offenbar ger­ ne erspart hat. Seine Polemik gegen Fre­ da Meissner-Blau entbehrt nicht der bil­ ligen Gags ("alternatives Denken als Al­ ternative zum Denken", die "aufgereg­ ten Phrasen, welche die ökologistische Literatur ebenso unerträglich machen wie die Zustände, die sie beschreibt", "Warnungs- und Erweckungsprosa" etc.) Indem Burger aber den grünen Rea­ loflügel anhand eines Buches von Josch­ ka Fischer als "realistisches Modernisie­ rungsprogramm für die deutsche Indu­ strie" denunziert, kokettiert er gerade mit den Borniertesten der Grün-Alter­ nativen, denen ihre Wahlsiege von den vermorschten Regierungsparteien auf den Tisch gelegt werden müssen, weil sie selbst eher Wählervertreibung prakti­ zieren. 273