DONAURA UM UND US-IMPERIALISMUS Rezension von: Hannes Hofbauer: Westwärts. Österreichs Wirtschaft im Wiederaufbau, Verlag für Gesell­ schaftskritik, Wien 1992, Österreichi­ sche Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 54, 2 17 Seiten. "Gerade für den Donauraum wäre es notwendig, daß sich die einzelnen Staaten dieses Gebietes zu gemeinsa­ men Einkaufsverbänden zusam­ menschließen und daß sie untereinan­ der Abkommen treffen, ihre Industrie­ erzeugung zu spezialisieren. Es muß nicht jeder kleine Staat eine eigene Automobilproduktion haben, es ge­ nügt, wenn ein Staat Automobile her­ stellt und dem anderen zum Beispiel die Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen überläßt. Nur so werden auch die Kleinstaaten zur Massenpro­ duktion und damit zur industriellen Leistungskraft der Großstaaten auf­ steigen können." Dies schrieb der an­ erkannte Ökonom, Emigrant und Rek­ tor der Grazer Universität (1946) , Jo­ sef Dobretsberger, im Dezember 1947 in "Arbeit und Wirtschaft" . Darüber hinaus trat der Wirtschaftswissen­ schafter vehement gegen die "Planlo­ sigkeit beim Wiederaufbau" auf, be­ fürwortete eine Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, wandte sich ge­ gen die von der ÖVP favorisierten Ver­ genossenschaftspläne, und für eine Lenkung des Außenhandels. Diese Vorstellungen trafen sich durchaus mit den wirtschaftsdemokratischen Vorstellungen der sozialistischen Ge- werkschafter. Dobretsberger war je­ doch nicht der einzige Nationalöko­ nom, der in den Nachkriegsjahren sol­ che Überlegungen anstellte. Auch an­ dere, so etwa der Wirtschaftswissen­ schafter Franz N emschak in seiner er­ sten Analyse der Österreichischen Wirtschaftslage, vertraten ähnliche Gedanken zur wirtschaftlichen Ent­ wicklung Nachkriegsösterreichs - und hatten dabei wahrscheinlich die ver­ hängnisvolle Wirtschaftspolitik nach dem 1 . Weltkrieg vor Augen. Hannes Hofbauer greift nun in seinem vor kurzem erschienenen Buch "West­ wärts. Österreichs Wirtschaft im Wie­ deraufbau" diese ersten - durch die politische und wirtschaftliche Realität schon im Herbst 1945 überholten - Träume und wirtschaftlichen "Nach­ kriegsstrategien" wieder auf - ohne sie jedoch im Detail zu referieren (der zi­ tierte Aufsatz von Dobretsberger dürf­ te Hofbauer unbekannt sein). Als Option für das von den Alliierten besetzte, im Osten großteils zerstörte Österreich glaubt aber der Autor allen Emstes an die Möglichkeit der Her­ stellung eines binnenwirtschaftlich auf den Donauraum beschränkten Wirtschaftsraumes mit regionaler oder nationalstaatlicher Wirtschaftsent­ wicklung (S. 196) . Österreich hätte da­ bei die Aufgabe, die Sektoren Land­ wirtschaft, Fremdenverkehr und Kon­ sumgüterindustrie abzudecken. Ein solcher Weg - so der Autor - hätte eine Österreichische Wirtschaftspolitik er­ möglicht, "die sich weniger am ökono­ mischen Erbe des Nationalsozialismus bzw. an den Vorgaben der Alliierten ­ ab 1947/48 der USA - zu orientieren gehabt hätte und daher unabhängiger und eigenständiger gewesen wäre" (S. 1 9) . Träume, Vorstellungen, Er­ wartungen sind eine Sache, Politik - als Kunst, einen möglichst "optima­ len" Interessenausgleich zu finden - sicherlich eine andere. Der Historiker kann und soll von theoretischen Op­ tionen ausgehen, hat sie aber der hi­ storischen Realität gegenüberzustel- 589