Wirtschaft und Gesellschaft len, mit dem damals Machbaren zu vergleichen. Statt also von den realen politischen und wirtschaftlichen Chancen zur Verwirklichung dieses auf den Donauraum beschränkten re­ gionalwirtschaftlichen Ansatzes aus­ zugehen, den Handlungsspielraum der Österreichischen Regierung unter Ein­ beziehung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bevölkerung im Osten des Landes und unter den Be­ dingungen der vierfachen Besetzung auszuloten, vielleicht auch mögliche Alternativen aufzuzeigen, kurz den eingeschlagenen "Weg nach Westen" als Ergebnis eines bestimmten, von vielen Seiten beeinflußten Kräftepar­ allelogramms zu beschreiben (und auch zu kritisieren), ergeht sich der Autor - soviel vorweg - in allgemei­ nen, schlecht recherchierten, schlam­ pig präsentierten Phrasen über das wirtschaftliche und politische Heme­ gonialstreben der USA, in dem der so­ genannte "Marshallplan" eine zentra­ le Rolle einnimmt. Das "European Re­ covery-Program" (ERP), wohl lange Zeit unter Einfluß der "Kalten­ Kriegs-Propaganda" gelobt und ge­ priesen, wird heute allgemein von Wirtschaftshistorikern zwar in seiner Zielsetzung und Wirkung differenzier­ ter und kritischer beschrieben, für un­ ser Land aber übereinstimmend als unverzichtbare Hilfe für den Wieder­ aufbau beurteilt. Anders Hannes Hof­ bauer, für den der "Marshallplan" den Kern der hegemonialen N chkriegspo­ litik der USA darstellt: "Er trennte Ost- und W esteuropa, bevorzugte ge­ zielt Investitionen in industriellen Zentren und vernachlässigte krisenan­ fällige periphere Räume, stellte Wirt­ schaftswachstum vor soziale Gerech­ tigkeit und trug zur Entwicklung des West-Ost-Gefälles innerhalb Öster­ reichs bei" (so der Klappentext des Bandes). Soweit der Ansatz und Inhalt eines Bandes, der sich in Kapitel über die politischen und wirtschaftlichen Optionen für Europa und Österreich 1945 (S. 9-42), die amerikanische 590 1 8. Jahrgang (1 992), Heft 4 Außen- und Wirtschaftspolitik von der Atlantic Charta bis zum Marshallplan (S. 43-144) und in Aspekte der Durch­ führung des Marshallplanes in Öster­ reich (S. 145-194) gliedert. Wer nun glaubt, hier gut recher­ chierte, mit neuen, interessanten Ma­ terialien angereicherte Analysen vor­ zufinden, wird bitter enttäuscht. Mit einer Nonchalance sondergleichen übergeht der Autor nicht nur die reichlich vorhandene Literatur, nahe­ zu alle Standardwerke zur österreichi­ schen, europäischen und internationa­ len Wirtschaftsgeschichte, sondern findet es außerdem nicht einmal der Mühe wert, die in der Forschung heftig diskutierten, zentralen Fragestellun­ gen zur Politik der USA, zur Ost­ West-Konfrontation und zu Inhalt und Aufgabe des Marshallplanes zu benen­ nen, geschweige denn in sein (Mach-) Werk zu integrieren. Eine Literatur­ liste mit Monografien und Aufsätzen zum Thema "österreichische Wirt­ schaftsgeschichte ab 1945" und "ERP" kann Herr Hofbauer auf Anfrage ger­ ne überreicht werden, gleichsam als Entwicklungshilfe in Sachen seriöser Wirtschaftsgeschichtsschreibung. Des Autors postmarxistische Liebe zum "Realsozialismus" der Sowjetuni­ on (der Autor verwendet "realsoziali­ stische Staaten" ohne Anführungszei­ chen) hält auch nach dem Zusammen­ bruch des kommunistischen Systems in der Sowjetunion und seinen Satelli­ tenstaaten unvermindert an (selbst­ verständlich haben die Staaten Osteu­ ropas freiwillig und nicht etwa auf sowjetischen Druck den "Marshall­ plan" abgelehnt ! S. 1 1 1) . Dies und seine Kritik an der auf eigene (Wirt­ schafts-)Machtinteressen bedachten Politik der USA wären per se keine Fehler (und könnten zu einer durchaus fruchtbringenden Diskussion führen, nachdem vielleicht in Zukunft auch ehemalige sowjetische Akten zur Ver­ fügung stehen werden), wenn sie der Autor historisch stringent zu begrün­ den wüßte. Doch davon ist keine Rede.