Wirtschaft und Gesellschaft 1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 barkeit sind daher besonders gefordert. Gerade in einer klein­ und mittelbetrieblich strukturierten Wirtschaft wie der Öster­ reichischen ist die Stabilisierung der Erwartungen der Wirt­ schaftssubjekte daher von besonderer Bedeutung für deren flexiblen Anpassungsprozeß an geänderte Rahmenbedingun­ gen. Ein Lobbying-System als Alternative zur Sozialpartner­ schaft würde Starke stärker und Schwache schwächer ma­ chen. Wenn auch die Einkommenspolitik als flankierende Maß­ nahme für keynesianisches Nachfragemanagement an Bedeu­ tung eingebüßt hat, so wird eine konzertierte, an gesamtwirt­ schaftlichen Zielen orientierte Einkommenspolitik in Zukunft - insbesondere in einer Währungsunion - zum Schlüsselfaktor bei der Aufrechterhaltung der internationalen Wettbewerbs­ fähigkeit. Korporatistischen Systemen mit starken, umfas­ send organisierten Interessenverbänden wird es leichter gelin­ gen, eine an gesamtwirtschaftlichen Zielen orientierte, stabi­ litätsbewußte Einkommenspolitik zu realisieren. Sie bieten die Chance, durch relativ niedrige Nominallohnzuwächse die Preisstabilität zu bewahren und dadurch sowohl relativ hohe Reallohnzuwächse als auch eine günstige kostenmäßige Wett­ bewerbsposition zu erreichen. Fragmentiertere, aufgesplitter­ te Interessenverbände und Verhandlungssysteme bergen dage­ gen die Gefahr in sich, einen für alle Seiten schädlichen Lizi­ tationsprozeß zu initiieren, der in einer Lohn-Preis-Spirale endet. Daß die Österreichische Tradition der Zusammenarbeit und der Verhandlungslösungen zwischen Regierung und starken - und damit auch gesamtwirtschaftliche Verantwortung über­ nehmen könnenden - Interessenverbänden nicht unbedingt ein Anachronismus ist, zeigt sich in der derzeitigen Wirt­ schaftskrise in Westeuropa. Das Vertrauen darauf, daß neoli­ berale Konzepte, die sich nur auf die monetäre Sphäre bezie­ hen, die Inflation der achtziger Jahre ohne nachteilige Effekte im realwirtschaftlichen Bereich bekämpfen können, wurde enttäuscht. Es ist offensichtlich, daß allein von den Kräften des Marktes weder eine rasche, deutliche Belebung herbeige­ führt und schon gar nicht das Problem von dauerhaften, zwei­ stelligen Arbeitslosenraten bewältigt werden kann. Immer lauter werden die Forderungen nach einem policy­ mix aus abgestimmten Maßnahmen aus verschiedensten Be­ reichen, die durch eine nationale Einkommenspolitik zur Sta­ bilisierung von Lage und Erwartungen abgesichert werden müssen. Diesbezüglich könnte Österreich als EG-Mitglied wohl einige Erfahrungen in die Gemeinschaft einbringen. Es ist jedoch offensichtlich, daß angesichts der vorne ange­ führten Änderungen der wirtschaftlichen, sozialen, politi- 420