1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft Diese Entwicklungen haben auch ihren Einfluß auf die Kollektivver­ tragspali tik. 1 . 4 Tarifvertragslandschaft Europas Ein flüchtiger Blick auf die Tarifvertragslandschaft Europas zeigt sehr deutlich, daß die Tarifvertragsstrukturen und die Praxis der Tarifver­ handlungen in den verschiedenen Ländern erhebliche Unterschiede auf­ weisen. Der Geltungsbereich von Tarifverträgen in den westeuropäischen Ländern bezieht sich auf einzelne Betriebe oder Unternehmen, Bran­ chen, Regionen oder auf das ganze Land. Grenzüberschreitende Tarif­ verträge sind bislang seltene Ausnahmen. In allen Ländern gibt es eine große Anzahl von Tarifverträgen, die sich auf die unterschiedlichsten Bereiche erstrecken: Löhne und Gehälter, Arbeitszeit, Urlaub, Arbeitsbedingungen etc. In manchen Ländern wird über denselben Gegenstand auf zwei verschiedenen Ebenen verhandelt. So werden in Frankreich und Großbritannien in den Branchentarifver­ trägen oft nur Mindestlöhne vereinbart, während über die Höhe der Ist­ löhne auf Betriebs- oder Unternehmensebene verhandelt wird. In den meisten Ländern Westeuropas werden Tarifverhandlungen zwi­ schen Gewerkschaften und Arbeitgebern geführt und entsprechende Ta­ rifverträge abgeschlossen (bilaterale Abkommen). In einigen Ländern galt in bestimmten Jahren der Vergangenheit die Praxis, daß auch die Regierung Verhandlungspartner war, wie z. B. in Italien, Spanien, Finn­ land und Schweden (sozialer Pakt, gesetzgeberische Versprechen, Steu­ erermäßigungen etc. in Form von trilateralen Abkommen). In Italien bestand bis vor kurzem ein besonderes System der geglie­ derten Tarifverhandlungen. Zunächst wurden auf nationaler Ebene für alle Arbeitnehmer Tarifverträge (in der Regel Dreijahresverträge) abge­ schlossen, dann folgten Verhandlungen in den einzelnen Branchen und schließlich wurde auf Unternehmensebene verhandelt. Dieses System wurde im Juli dieses Jahres radikal verändert. Auch die Laufzeiten der Tarifverträge, insbesondere für Löhne und Gehälter, variieren von Land zu Land erheblich. In Großbritannien, Frankreich und Österreich galten im allgemeinen Einjahresverträge, in den nordischen Ländern in der Regel Zweijahresverträge, in Dänemark gab es sogar Vierjahresverträge. In Deutschland, wo bislang in der Regel Einjahresverträge üblich waren, wurden in den letzten Jahren selbst Dreijahresverträge abgeschlossen, z. B. in der Metallindustrie die Stu­ fenabkommen zur Einführung der 35-Stunden-Woche und der Lohn­ und Gehaltserhöhungen. Ein weiteres Problem ist die Frage des Mandats zum Abschluß von Ta­ rifverträgen. Dies ist ein rechtliches Problem oder auch ein gewerk­ schaftspolitisches Problem. Verfassungen, Gesetze oder die Statuten der Gewerkschaftsbünde bzw. der Mitgliedsgewerkschaften können das Mandat festlegen bzw. begrenzen. 479