1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft gegenwärtigen Wachstumschancen und, was besonders besorgniserre­ gend ist, wird zu einer gewichtigen Last für die Zukunft Rußlands. Das Bildungspotential der russischen Gesellschaft, welches jahrzehn­ telang im internationalen Vergleich weit überdurchschnittlich und teil­ weise hervorragend aussah, verringert sich und droht in wenigen Jahren ganz abzusacken, sollten in Kürze keine effizienten Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Das russische Bildungsgesetz schreibt dem Staat vor, für die Entwicklung des Bildungssystems mindestens 10 Prozent des Na­ tionaleinkommens (d. h. etwa Nettosozialprodukts) jährlich zu ge­ währen. Im Jahre 1993 erreicht diese Kennziffer jedoch nur 5 ,7 Prozent. Die Ausgaben pro Schüler und Studierende gehen zurück: Sie haben sich im 1 . Vj . 1993 gegenüber dem 1. Vj . 1992 um 12 Prozent pro Lehrling in der Grundstufe der Berufsbildung und um 16 ,5 Prozent pro Student an Universitäten und gleichwertigen Hochschulen verringert. Auch die Budgetausgaben für Wissenschaft und Forschung gehen dra­ stisch zurück, was die Forschungseinrichtungen (insbesondere auch die weltberühmten Institute für die Grundlagenforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften) durch Auftragsforschung für einheimi­ sche und ausländische Klienten bestenfalls teilweise wettmachen kön­ nen. Dadurch schrumpft der Personalstand ganzer Einrichtungen, auch jener mit einem ausgezeichneten Ruf im Ausland. Daneben werden chaotisch neue Institute gerade im Bereich der Gesellschaftswissen­ schaften errichtet, um damit mehreren aus dem Staatsdienst ausschei­ denden hohen Beamten (z. B. dem ehemaligen Vizepremier der UdSSR, S. Sitarjan) eine "nahrungssichernde" Beschäftigung als Institutsdirek­ toren zu bieten. Für solche - in der Regel unsoliden - Institute wird aus kaum erklärlichen Quellen staatliche Finanzierung gefunden. Auch die für die körperliche und geistige Gesundheit des Volkes aus­ schlaggebenden Bereiche von Sport und Kultur kommen zunehmend zu kurz. Deshalb müssen leistungsfähige Sportler und bekannte Kultur­ und Kunstschaffende immer aktiver nach einer (in der Regel zeitweili­ gen) Beschäftigung im Ausland suchen, was das einheimische Niveau dieser Bereiche verständlicherweise nach unten drückt. So steckt die ehemals vielfach weltberühmte russische Filmkunst in einer tiefen Kri­ se. Die russischen Filme sind 1992 von den Bildschirmen einheimischer Filmtheater fast verschwunden, weil sie für den - nunmehr kommerzia­ lisierten und z. T. privatisierten - Filmvertrieb produktionskostenmäßig zu teuer und verlustbringend sind, vom Staat jedoch kaum unterstützt werden. So nimmt es nicht wunder, daß die russischen Filmtheater von den billigen und veralteten US-amerikanischen "Eintagsfliegen" über­ rollt werden. Erst im Laufe des Jahres 1993 konnte für die Produktion von siebzig Filmen eine staatliche Finanzhilfe gewährt werden. 5. Kurzes Fazit und Ausblick Die in diesem Artikel analysierten sozialen Probleme, die mit der Transformation der russischen Ökonomie in Richtung Marktwirtschaft 5 7 7 J