Wirtschaft und Gesellschaft UMWELTSCHUTZ KONTRA BESCHÄFTIGUNG Rezension von: Silke Nissen, Umwelt­ politik in der Beschäftigungsfalle, Metropolis-Vedag, Marburg 1993, 250 Seiten, DM 30,-. Unter bestimmten Bedingungen ent­ steht auf einzelwirtschaftlicher Ebene ein grundlegender Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der zu einem ernstzunehmenden Hindernis für den Erfolg der Umweltpolitik werden kann. Ein wesentlicher Aspekt dieses Konflikts ist die Zielkonkurrenz zwi­ schen der Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Erreichen von Umweltzielen. Wenn es dem betroffenen Unterneh­ men gelingt, glaubwürdig mit negati­ ven Beschäftigungswirkungen (um­ welt-)politischer Maßnahmen zu dro­ hen, geraten die für die Durchsetzung umweltpolitischer Ziele zuständigen lokalen und regionalen Politiker in ei­ nen Konflikt zwischen Wiederwahlin­ teressen, der Sicherung der Einnah­ men der Gebietskörperschaft (Gewer­ besteuer, lohnahhängige Steuern) und damit der Erhaltung bzw. Ansiedelung von Arbeitsplätzen und Betrieben ei­ nerseits und den (umweltpolitischen) Vorgaben übergeordneter Instanzen andererseits. Der Erfolg des Wider­ stands gegen umweltpolitische Vorga­ ben hängt von der Bedeutung eines Unternehmens für den regionalen Ar­ beitsmarkt ab, wobei große bzw. re­ gionalpolitisch bedeutsame Unterneh­ men deutlich begünstigt sind. Die Politikwissenschaftlerirr Nissen liefert den Existenznachweis dieses Konflikts sowie eine soziologische Un­ tersuchung des Verhaltens der einzel­ nen Akteure. Welche quantitative Be­ deutung dieser Konflikt wirtschafts- 596 1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 und umweltpolitisch hat, ist ebenso wie die Suche nach Lösungsmöglich­ keiten nicht Gegenstand der Untersu- chung. , Dem Unternehmerischen Mittel der Drohung wird breiter Raum einge­ räumt. Die Drohung mit Arbeitskräf­ teabbau, Standortverlagerungen, dem Unterlassen von Erweiterungsinvesti­ tionen usw. scheint ein sehr wirksa­ mes, sofort einsetzbares und vor allem billiges Mittel der Unternehmen zu sein, Umweltauflagen abzuwehren oder zumindest Zeit zu gewinnen. Die größte Wirkung dieser Drohung auf die Politik geht von einer Mobilisie­ rung der Arbeitnehmer und der Öf­ fentlichkeit zugunsten des Unterneh­ mens aus. Es kommt aufgrund der Einkommensinteressen der Arbeitneh­ mer zu einer Solidarisierung mit der Betriebsleitung. Dem steht auch nicht entgegen, daß das Umweltbewußtsein der Arbeitnehmer im allgemeinen sehr hoch ist. Nissen untersucht auch den empiri­ schen Hintergrund der Formel "Um­ weltschutz schafft Arbeitsplätze" und zeigt für Deutschland, daß die Ab­ schätzung der im Bereich Umwelt­ schutz Beschäftigten mit relativ großen Schwierigkeiten verbunden ist (diese Schwierigkeiten sind bei funk­ tionalen Analysen häufig anzutreffen) . Der Gesamteffekt auf die Beschäfti­ gung ist nicht überwältigend. Ein Teil dieser Beschäftigten kommt allein durch eine Umdefinition zustande. Das sind insbesondere Arbeitsplätze in den Bereichen Müllabfuhr, Abwas­ serbeseitigung und Straßenreinigung. Die Zunahme der Beschäftigten zah­ len im Bereich Umweltschutz ist im Zeitablauf gering, die Qualifikations­ merkmale der hier Beschäftigten sind durch ein relativ hohes (und steigen­ des) Ausbildungsniveau gekennzeich­ net. Der Trend hin zur präventiven Umweltpolitik führt zu einer weiteren Verstärkung dieses Effekts. Die Ver­ mutung, daß Sie (im Schnitt weniger qualifizierten) Arbeitsplätze im Be- ------------?