Wirtschaft und Gesellschaft schaftsstiftende Bedeutung des Tau­ sches und stellte in seiner Nikomachi­ schen Ethik sehr tiefschürfende Über­ legungen zur Werttheorie an, auf die Bürgin detailliert eingeht. Ebenso wie der unterschiedliche politische Status der Bewohner der Polis (Sklaven, Metöken ohne Bürgerrechte) einer Höherentwicklung der Wirtschaft bei den Griechen im Wege stand, schuf er auch ein unlösbares werttheoretisches Problem: Was als Produkt unter­ schiedlicher Arten von Arbeit als gleichwertig getauscht wird, "wird hergestellt durch Übereinkunft, indem die Gesellschaft selbst und von vom­ herein die Andersheit von (z. B . G. Ch.) Arzt und Bauer eingerichtet und ge­ schaffen hat. Es ist demnach die Polis, die die Andersheit setzt und zugleich die Gleichheit zu schaffen versucht. Dies mag heißen, daß alle Gemein­ schaften und Gesellschaften je nach den Umständen ihrer Genesis und Entfaltung und je nach ihren sozio­ kulturellen Inhalten neue Kriterien der Austauschverhältnisse schaffen. " (S. 147) Für die Idee eines Marktes als eines abstrakten Mechanismus, der die Gleichwertigkeitsmaßstäbe schafft, fehlten in der antiken Wirtschaft die realen Voraussetzungen. Markt (ago­ ra) ist für die Griechen "ein konkreter Ort, auf dem sich leibhaftige Men­ schen begegnen, kaufen und verkau­ fen . . . , nicht nur der Ort des Waren­ austausches, Ort wo man sich verpfle­ gen kann, sondern auch Versamm­ lungsort, Gerichtsplatz und Kult­ stätte. " (S. 146) Eher nur als kurze Verbindungsglie­ der zwischen dem ersten, dem ökono­ mischen Denken der Antike, und dem letzten, der Entstehung der modernen politischen Ökonomie gewidmeten Teil sind die wesentlich knapper ge­ faßten Abschnitte über die mittelalter­ liche Stadtwirtschaft und die Renais­ sanceökonomie konzipiert. In der von Handel und Handwerk lebenden Stadt des Mittelalters wurde erstmals die antike Antibanausie überwunden und 204 21 . Jahrgang (1 995), Heft 1 Arbeitsfleiß und Sparsamkeit als ge­ sellschaftlich anerkannte Tugenden durchgesetzt, da in der Stadt das Handwerk und Handel betreibende Bürgertum gesellschaftlich und poli­ tisch den Ton angab. In den ursprüng­ lich wirtschaftlich am weitesten fort­ geschrittenen italienischen Städten kam der moderne Kapitalismus aller­ dings nicht zum Durchbruch, sie ver­ fielen ab dem 16 . Jahrhundert wieder der Stagnation. Bürgin führt diese Entwicklung auf eine "Aristokratisie­ rung des Bürgertums" (S. 212) zurück. Statt in Produktionsstätten, neue Techniken und in neue Märkte zu in­ vestieren, legten die Unternehmer des italienischen Frühindustrialismus ihren Reichtum in ländlichem Grund­ besitz, in Gütern und Palästen an, wo­ durch die Dynamik der Stadtwirt­ schaft wieder zum Erliegen kam und sogar eine gewisse Reagrarisierung Platz griff. Kaum behandelt wird in diesen beiden Kapiteln das ökonomi­ sche Schrifttum der Zeit - Thomas von Aquin z. B. überhaupt nicht, und die italienischen Ökonomen des 17 . und 18 . Jahrhunderts, welche Schumpeter bereits in seiner Abhandlung "Epo­ chen der Dogmengeschichte" bemer­ kenswert hoch einschätzte (2), werden nur ganz kursorisch erwähnt und wohl unter ihrem Wert abgehandelt. Unterschiede im Erfolg bei der Handwerks- und insbesondere bei der Händlertätigkeit hatten mit fort­ schreitender Entwicklung der mittel­ alterlichen Stadt zunehmende Vermö­ gens- und Einkommensunterschiede zur Folge, so daß sich auch bei grundsätzlich positiver Bewertung von Fleiß und Erwerbsstreben wieder die Frage stellte, inwieweit dieses nicht dem Gemeinwohl schädlich sei, indem der Reichtum der wenigen zu Lasten der anderen Mitbürger gehe. Es ist kaum bekannt, daß das Ver­ hältnis von Eigennutz und Gemein­ wohl, das zentrale Thema der klassi­ schen politischen Ökonomie, in Deutschland bereits im 16 . Jahrhun-