Wirtschaft und Gesellschaft 21. Jahrgang (1995), Heft 3 Editorial Euro-Verbände und Euro-Politik Das unwidersprochene Näherrücken der europäischen Währungsunion in eine immer konkreter werdende Zukunft hat zur Folge, daß praktische Fragen der Umstellung auf eine gemeinsame Währung in einem allerdings noch nicht festste­ henden Währungsgebiet zunehmend vor und in einer breite­ ren Öffentlichkeit diskutiert werden. Was jetzt die Konver­ genzkriterien normativ für die Mitgliedstaaten vorgeben, wird nach dem Übergang zur gemeinsamen Währung zum Großteil der Steuerungs- und Verantwortungskompetenz der nationa­ len Institutionen entzogen sein und jener der Europäischen Zentralbank (EZB) unterliegen: die Entwicklung von Zinssät­ zen und Inflationsraten. Bei den Nationalstaaten bleibt die Verantwortung für die Fiskalpolitik, wobei die im Wegfall der Wechselkursrisikos liegenden stabilisierend-expansiven Wir­ kungen der Währungsunion auf die europäische Wirtschafts­ entwicklung wesentlich davon abhängig sein werden, ob die europäische Koordination der nationalstaatliehen Fiskalpoli­ tiken im Sinne einer Beibehaltung der Konvergenz gelingen wird. Aber nicht nur die Wechselkurs- und Geldpolitik der EZB und die Fiskalpolitiken der EU-Mitgliedsländer müssen "stimmen" - auch die Einkommenspolitik wird ein wichtiger Bestimmungsfaktor der makroökonomischen Performance der in der Wirtschafts- und Währungsunion verbundenen Wirtschaften sein. Die Österreichischen Erfahrungen der letz­ ten zwanzig Jahren haben in diesem Zusammenhang einige Relevanz, und zwar sowohl im Hinblick auf die makroökono­ mische Strategie einer europäischen Wirtschaftspolitik als auch hinsichtlich der institutionellen Strukturen. Die im internationalen Vergleich überdurchschnittlich gute Performance der Österreichischen Wirtschaft ist weitgehend der Kombination von Hartwährungs- und Einkommenspolitik zuzuschreiben, mit der es gelungen ist, den Kostenauftrieb in jenen Grenzen zu halten, die mit der internationalen Wettbe­ werbsfähigkeit verträglich sind. Gleichzeitig hatten die lang­ fristige Stabilisierung der Erwartungen und der ständige, aber kalkulierbare Druck auf Produktivitätssteigerung und Strukturanpassung positive Auswirkungen auf die Perfor­ mance. Ein solcher policy-mix hat sich der Alternative beste­ hend aus höherer Inflationstoleranz und Wechselkursabwer­ tung zur Korrektur einer verschlechterten Lohnstückkasten­ position bzw. Leistungsbilanz als überlegen erwiesen, aber 381