22. Jahrgang (1996), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft Werner Sombarts "Spätkapitalismus" und die langfristige Wirtschaftsentwicklung*) Günther Chaloupek 1. Werner Sombarts "Spätkapitalismus" Es ist erst 25 Jahre her, daß "Spätkapitalismus" ein weitverbreiteter und häufig gebrauchter Begriff in intellektuellen Diskussionen war: zwischen der Studentenbewegung, der Frankfurter Schule und anderen Theoretikern der "Neuen Linken" auf der einen und dem sogenannten politischen "Establishment" auf der anderen Seite. In diesen Diskussio­ nen spielte die Frage, ob das gegenwärtige sozioökonomische System "Industriegesellschaft" oder "Spätkapitalismus" genannt werden solle, eine nicht unerhebliche Rolle (1) . Aber von den Teilnehmern dieser Dis­ kussion wußten nur wenige, woher der Begriff "Spätkapitalismus" kam und wer ihn eingeführt hat - und jene, die es wußten, erwähnten den Er­ finder nie: Werner Sombart. 1927 veröffentlichte Sambart den langerwarteten dritten Band seines magnum opus "Der moderne Kapitalismus" über die "Wirtschaft im Zeitalter des Hochkapitalismus" . Gegenstand dieses Buches ist dem Ti­ tel entsprechend der Hochkapitalismus, aber wie schon dieser Begriff suggeriert , enthält der dritte Band auch eine Dreistufentheorie der Ent­ wicklung des Kapitalismus. Das Erscheinungsjahr des dritten Bandes gehört dabei schon der dritten und letzten Stufe an, nämlich der Ära des Spätkapitalismus. Im allgemeinen war Sambart vorsichtig und zurückhaltend mit Vor­ aussagen der wirtschaftlichen Entwicklung. In mehreren Teilen des drit­ ten Bandes des Modernen Kapitalismus beschäftigt er sich jedoch mit *) Deutsche Übersetzung eines Beitrags zu dem von Jürgen Backhaus herausgegebenen Werk Werner Sambart (1863-1941) Social Scientist, 3 Bände, Metropolis-Verlag, Mar­ burg 1996. 385