Wirtschaft und Gesellschaft 22. Jahrgang (1996), Heft 3 der Transformation bestimmter Strukturen und Institutionen, welche sich beim Eintritt in die Phase des Spätkapitalismus vollzieht. Bei der Jahrestagung des Vereins für Sozialpolitik 1928, welche in Zürich stattfand, hielt Werner Sombart den Hauptvortrag über das erste Thema der Konferenz, "Wandlungen des Kapitalismus" (2). In diesem Vortrag faßte er seine Theorie des Spätkapitalismus, wie sie in den ein­ zelnen Kapiteln des 1927 erschienenen Buches enthalten war, zusammen. Später, 1932 - im schwärzesten Jahr der großen Depression in Deutsch­ land - veröffentlichte Sombart seine damals vielgelesene Broschüre "Die Zukunft des Kapitalismus" , welche eine ergänzte und in einigen Punkten auch revidierte Version seiner Theorie enthält. Die folgende Darstellung der 8ombartsehen Theorie der langfristigen Wirtschaftsentwicklung be­ ruht hauptsächlich auf diesen drei Quellen. Gelegentlich werden jedoch auch andere Schriften Sombarts miteinbezogen, wenn dies zu einem bes­ seren Verständnis der Intentionen des Autors beitragen kann (3). Es mag bezweifelt werden, ob es den Geboten der Fairneß entspricht, langfristige sozioökonomische Prognosen mit der tatsächlichen Entwick­ lung zu vergleichen, ist es doch keine Kunst, im nachhinein die Dinge besser zu wissen. Tatsächlich fühle ich mich aber durch Werner Sombart selbst zu so einem Vergleich ermutigt. Bei der Tagung in Zürich sagte er in seinem Schlußwort, daß er "im allgemeinen in fünfzig oder in hundert Jahren nicht leben (möchte) . Aber, um eines zu erleben, würde ich es ger­ ne tun, nämlich um zu wissen, was die Doktordissertationen in hundert Jahren über unsere heutige Versammlung sagen" , ob er recht behalten werde oder seine Kritiker. Wenn dann "so viel als wahr erkannt ist von dem was ich heute ausgeführt habe, wie von dem was Marx vorausgesagt hat, als wahr erkannt ist, dann würde ich mich wahrhaftig freuen. " (4) Etwas vereinfachend könnte man Spätkapitalismus gleichsetzen mit relativer wirtschaftlicher Stagnation, welche in der europäischen Wirt­ schaft bereits mit dem Ersten Weltkrieg eingetreten war. In seinem Zür­ cher Vortrag gruppierte Sambart die Faktoren, welche zu dieser Ent­ wicklung beitragen, unter drei Stichworten: 1 . Territoriale Wandlungen; 2. Gestaltswandlungen; 3. Bereichswandlungen. Hinsichtlich der territorialen Wandlungen war es für Sambart klar, daß der Kapitalismus sich weiterhin in Länder und Kontinente ausbrei­ ten würde, in denen bis dahin noch keine Industrialisierung stattgefun­ den hatte. Jedoch würden die alten kapitalistischen Länder Europas weit weniger durch Kapitalexporte zur weiteren Ausbreitung des Kapi­ talismus beitragen, da das Tempo der Kapitalakkumulation in Europa selbst stark nachlassen würde. Diese letztere These begründete Sombart damit, daß der "relative Mehrwert" zurückgehen werde, die Steigerung der Arbeitsproduktivität geringer sein würde als in der Vergangenheit und die Löhne rascher zunehmen würden als die Arbeitsproduktivität. Die relative Stagnation der Produktivität sei das Ergebnis einer Vielzahl von ökonomischen, soziologischen und auch natürlichen Einflußfakto- 386