Wirtschaft und Gesellschaft 22. Jahrgang (1996), Heft 3 einander gebundener Menschen in ein System kunstvoll ineinandergrei­ fender Arbeitsleistungen, deren Vollbringer auswechselbare Funktionä­ re in Menschengestalt sind, gilt es zu verstehen. " (6) Bei der Betrachtung der "Bereichswandlungen" identifiziert Sambart drei unterschiedliche Bereiche, welche jeweils auch unterschiedliche Wirtschafssysteme repräsentieren. Der präkapitalistische Bereich, be­ stehend aus der Landwirtschaft, dem Handwerk und dem Kleingewerbe, werde seinen Anteil ausweiten. Dies ergibt sich als Folge der Reagrari­ sierungstendenz und ihrer bereits genannten Ursachen. Nach innen ra­ tionalisiert dieser Sektor jedoch zunehmend seine Produktionsmethoden und wird mehr kapitalistisch. Der kapitalistische Sektor werde auf ab­ sehbare Zeit weite Bereiche der Wirtschaft weiterhin dominieren, beson­ ders solche Bereiche, die immer noch einen raschen technischen Um­ wandlungsprozeß durchmachen. Der Kapitalismus werde aber seine vorherrschende Stellung nach und nach verlieren, und er ändere auch seine Natur in dem Sinne, daß er "gesetzter wird" , die Entwicklung ru­ higer und gemessener verlaufe. Der dritte Bereich, den Sambart das postkapitalistische System nennt, werde sich langsam ausdehnen auf Kosten des kapitalistischen Bereiches. Monopolisierte und kartellierte Unternehmungen, die das Potential ihrer Rationalisierung ausgeschöpft haben, können ohne Verlust an Effizienz und Produktivität sozialisiert werden. Als Modell für diesen Typ von Unternehmensorganisation die­ nen Sambart die staatlichen Eisenbahnen, das Postwesen und die kom­ munalen Versorgungsunternehmungen. Sambart betont immer wieder die Vielfältigkeit und Buntheit des Wirtschaftslebens im Spätkapitalis­ mus, in dem die drei Bereiche nebeneinander existieren. Ob letzten En­ des die langfristigen Trends, die Sambart am Werk sah, gleichbedeutend mit einem "Marsch in den Sozialismus" sind, ist eine Frage, welcher er offensichtlich eher aus dem Weg gehen wollte - jedenfalls hat es den An­ schein, als wollte er sie nicht direkt ins Auge fassen. Für das menschli­ che Geschick sei es nicht entscheidend, ob die Wirtschaft kapitalistisch oder sozialistisch organisiert ist: "Die Form dieser neuen Wirtschaftssy­ steme wird eine Reihe von Zügen des Kapitalismus beibehalten, vor al­ lem ihren großbetriebliehen Charakter und den Zug der Vergeistung, der die Wesenheit des modernen Betriebes ausmacht. " (7) Die dem Kapitalismus selbst innewohnenden Entwicklungstendenzen führten zu einem System der Planwirtschaft auf nationalstaatlicher Ebene (8). In seinem Zürcher Vortrag spricht Sambart von einem "Sy­ stem regelnder Eingriffe" (9), während in seiner 1932 veröffentlichten Broschüre "Planwirtschaft" der grundlegende Begriff der zukünftigen Wirtschaftspolitik ist. Planwirtschaft bedeutet für Sambart nicht die Verstaatlichung der Produktionsbetriebe: "So wird also jede vollkom­ mene Planwirtschaft, wenn anders sie ihre Aufgabe die Wirtschaft sinn­ voll zu gestalten erfüllen will, das Nebeneinanderbestehen und Ineinan­ dergreifen einer bunten Fülle von Wirtschaftsformen und Wirtschaftssy­ stemen vorsehen müssen . . . . Ja, selbst die sogenannte Konkurrenz, we­ nigstens in der Gestalt der Leistungskonkurrenz, braucht nicht ausge- 388