Wirtschaft und Gesellschaft PARS PRO TOTO? Rezension von: Helmut Wagner, Eu­ ropäische Wirtschaftspolitik: Per­ spektiven einer Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU), Berlin, Heidelberg u. a. 1995 , 278 Seiten, öS 290,60. Der Titel des Buches weckt Erwar­ tungen, die nicht immer zur Gänze er­ füllt werden - wohl auch nicht kön­ nen, da es immer ein Spezialgebiet gibt, dessen Behandlung noch zu er­ weitern wäre. Der Untertitel (Perspek­ tiven einer Europäischen Wirtschafts­ und Währungsunion) trifft den Inhalt des Buches eher, wobei die Betonung auf der (Geld- und) Währungspolitik liegt. Um es vorwegzunehmen: we­ sentliche Bereiche der Wirtschaftspo­ litik werden durch die Konzentra­ tion auf die geldpolitischen Aspekte etwas vernachlässigt (Strukturpolitik) und/oder nur unter dem Lichte der Geldpolitik behandelt (Fiskal- und Einkommenspolitik) . Die Einbeziehung politisch-ökono­ mischer und institutioneller Aspekte ist hingegen als eine der großen Stär­ ken zu werten. Wagner bietet zunächst in der Einleitung einen Überblick über die wirtschaftspolitische Geschichte der Europäischen Union und stellt da­ von ausgehend die wesentlichen Hoff­ nungen und Befürchtungen dar, die mit der Errichtung der Währungsuni­ on im Rahmen der EWWU verbunden werden. Die drei Handlungsalternativen, vor denen die EU und ihre Mitgliedstaaten bei einer gegebenen Wirtschaftsunion stehen, sind im wesentlichen: 1 . ) fle­ xible Wechselkurse, 2.) eine Weiter­ führung des EWS und 3 . ) die Errich­ tung einer Währungsunion. Die Kon­ kurrenzlösung "flexible Wechselkurse" 448 22. Jahrgang (1996), Heft 3 kann dabei als eine suboptimale Lö­ sung gezeigt werden, und zwar einer­ seits aufgrund der fortschreitenden wirtschaftlichen Integration und den damit verbundenen steigenden Trans­ aktionskasten bei Beibehaltung flexi­ bler Wechselkurse (mikroökonomi­ sches Effizienzargument), und ande­ rerseits wegen der sinkenden Anpas­ sungskosten (in Form von Beschäfti­ gung und Wachstum) bei steigender Integration und fixen Wechselkursen (makroökonomisches Argument), vor allem aber - und das steht im Zentrum von Wagners Ausführungen - auf­ grund einer höheren Effizienz der Geldpolitik durch die Koordination der Zentralbanken. Demgegenüber finden zwar hier und da einige Argumente für die Koopera­ tion auf anderen Gebieten der Wirt­ schaftspolitik Erwähnung, so etwa die Frage der Wirksamkeit der Fiskalpoli­ tik auf europäischer Ebene (Kap IV, 2.2) oder der Zusammenhang von Ko­ ordination bei Lohnverhandlungen durch starke Gewerkschaften mit starken Dachverbänden und der in ei­ ner EWWU erforderlichen Reallohn­ flexibilität auf makroökonomischer Ebene (Kap IV, 2 .3) , aber ihr Potential wird nur unter dem Aspekt der Ge­ fährdung der Unabhängigkeit der Eu­ ropäischen Zentralbank gesehen. In der Frage der Unabhängigkeit wird nicht immer genug differenziert. Entsprechend dem monetaristisch­ neoklassischen Dogma muß sie unan­ tastbar sein, und dies im Sinne einer Konfliktlösung (sprich: keine Mög­ lichkeit der Kommunikation mit ande­ ren wirtschaftspolitischen Akteuren). Es wird also die Kooperation der Zen­ tralhanken als Aktivum der Wirt­ schafts- und Währungsunion ver­ bucht, aber (entgegen einigen theoreti­ schen Ansätzen und wirtschaftspoliti­ schen Erfolgen) eine Kooperationslö­ sung - zumindest in bezug auf Infor­ mation - mit und zwischen den ande­ ren wirtschaftspolitischen Spielern abgelehnt.