22. Jahrgang (1996), Heft 3 Diese Grundhaltung spiegelt sich auch in der Behandlung der Diskussi­ on um die Regelbindung der Zentral­ bank wider (Kap IV 2 .5) . Ein wesentli­ cher Teil für die Begründung der Be­ vorzugung einer Regelbindung liegt darin, daß durch sie die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte zu einer ge­ ringeren Gleichgewichtsinflationsrate führen. Dies trifft aber nur in einer Konfliktsituation zu, in der es keine Kommunikation zwischen den "Spie­ lern" Zentralbank, Fiskalpolitik und Lohnverhandlern gibt. Dies ist ten­ denziell in der BRD der Fall, und bei einer Zentralbank möglich, die über eine derartige Reputation verfügt, daß sie selbst dann nicht befürchten muß, Inflationserwartungen zu wecken, wenn sie ihre selbstgesteckten Zie­ le (Geldmengenwachstum) nicht er­ reicht. Jedenfalls ist die Übertragung auf ein anderes Land problematisch, weil dieselbe Politik dort zu weit höheren Kosten (in Form von Wachstum und Beschäftigung) der Inflationsbekämp­ fung führen würde. Die Erfolge des Arrangements zwischen Fiskalpolitik (Budgetkonsolidierung) und Locke­ rung der Geldpolitik in Amerika blei­ ben bei Wagner ebenso unerwähnt wie die jene stärker korporatistisch ge­ prägter Länder wie Österreich oder die Niederlande. Zu den stärkeren Seiten: Neben den bekannten Argumenten für die EWWU erläutert Wagner im Kapitel III. 3 die neueren Entwicklungs-, Wachstums­ und Handelstheorien (etwa den Krug­ manschen Ansatz des strategischen Handels) und bietet so eine bessere Basis für die Diskussion um die Effek­ te des Europa der "zwei Geschwindig­ keiten" . Dabei vergißt er nicht die Be­ deutung der politischen Rahmenbe­ dingungen und die wechselseitigen Wirkungen zwischen der Wirtschaft- Wirtschaft und Gesellschaft lieh/monetären und der politischen In­ tegration. Das Europa der zwei Geschwindig­ keiten findet sich auch zu Recht im ausführlichen Schlußteil wieder, in dem die Kosten des Übergangs disku­ tiert werden. Daß diese allgemein meist zu wenig problematisiert wer­ den, ist ein Manko in der Diskussion um die EWWU und hat vielleicht mit der Liebe mancher Ökonomen für die (sehr) lange Frist zu tun. Hier bildet Wagner eine rühmliche Ausnahme. Dieselbe Methodik (entwicklungs- und wachstumspolitische Ansätze) wendet er auch auf die Diskussion um die Osterweiterung (mit Handlungsalter­ nativen für die weitere Integration) an. Zum Aufbau des Buches: Durch die Exkurse mit Überblicken über die Li­ teratur bzw. die Darstellung der wich­ tigsten Modelle außerhalb des "Tex­ tes" bleibt dieser lesbar, ohne auf die wichtigsten theoretischen Fundierun­ gen verzichten zu müssen. Ebenso un­ terstreicht der Einschub der wichtig­ sten Vertragsbestimmungen aus dem europäischen Vertragswerk, der in vielen anderen Büchern meist fehlt, den Lehrbuchcharakter. Die Einbeziehung wichtiger institu­ tioneller und wachstumstheoretischer Grundlagen bei der Diskussion um ein Europa der zwei Geschwindigkeiten ist ebenfalls positiv hervorzuheben. Etwas zu kurz geraten und zu stark dem (bundesdeutschen) main- stream verhaftet ist hingegen der Teil, in dem die Bedeutung der Fiskalpolitik und der Lohnverhandlungen behandelt werden. Offenbar traut eben dieser deutsche mainstream außer der Bun­ desbank, die im übrigen ihre (ohnehin obsoleten) Ziele regelmäßig aufgrund von "Sonderfaktoren" verfehlt, kei­ nem anderen wirtschaftspolitischen Akteur die nötige Vernunft zu. Thomas Zotter 449