23. Jahrgang ( 1 997), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft KOMMENTAR Wohlfahrtsstaat und Wachstum: der Fall Schweden Kurt W. Rothschild Der plötzliche und unerwartete Zu­ sammenbruch des sowjetischen Wirt­ schaftssystems beendete mit einem Schlag die West-Ost-Konfrontation zweier radikal verschiedenen ökonomi­ schen Verfassungen , welche in den vorangegangenen Jahrzehnten i n Theorie und Praxis einen dominanten Platz eingenommen hatte. Aus dieser Konfrontation ging das "kapital istische System" siegreich hervor und schien - zumindest für längere Zeit, wenn nicht, wie manche meinen, für al le Zeiten ("Das Ende der Geschichte") - nun fest etabl iert zu sein und Systemdiskus­ sionen überflüssig zu machen. Die Dy­ namik der Ereignisse von 1 989/90 ver­ deckte aber die Sicht auf längerfristige system ische Auseinandersetzungen und Veränderungen innerhalb der kapi­ talistischen Ordnung, die schon vor dem Fall des Sowjetsystems eingesetzt hat­ ten und durch diesen nicht ausgelöst, wohl aber verstärkt wurden. Gemeint ist die Konfrontation zwi­ schen verschiedenen Konzepten be­ züglich der Organisation des kapitali­ stischen Wirtschaftsprozesses, die man unter Vernachlässigung zahlreicher, n icht unbedeutender Varianten radikal auf die Gegenüberstellung des Kon­ zepts einer (überwiegend) "freien Markt­ wirtschaft" und einer (eher interventio- nistischen) "sozialen Marktwirtschaft" bzw. eines "Wohlfahrtsstaats" reduzie­ ren kann. Aus dieser Perspektive läßt sich die Entwicklung in der modernen kapita l istischen Welt seit Ende des Zweiten Weltkriegs - bei beträchtlichen Unterschieden von Land zu Land - re­ lativ deutlich in zwei Perioden untertei­ len. Vom Ende des Kriegs bis zum Be­ ginn der siebziger Jahre bestand ein breiter Konsens für eine sozial verträg­ liche und vor allem auf hohe Beschäfti­ gung ausgerichtete Wirtschaftspolitik, gefördert durch hohe Wachstumsraten , welche sich aus den Anstößen des Wie­ deraufbaus und des Nachholbedarfs ergaben, aber auch durch die politische Konzessionsbereitschaft konservativer Kreise, welche angesichts der System­ konkurrenz einen Rückfall in die De­ pressionswirtschaft der dreißiger Jahre um jeden Preis verhindern wollten. Auf theoretischer Ebene bot die keyne­ sianische Theorie - geboren aus dem Wunsch, die Beschäftigungsfrage in den Griff zu bekommen - eine willkom­ mene Hilfe und "Legitimation" für diese Bemühungen. Mit der Abschwächung der Auftriebs­ kräfte der Nachkriegsjahre, der Konsoli­ dierung der traditionellen ökonomischen und gesellschaftlichen Hierarchien und dem Auftreten spezieller Probleme, wie lnflationsbeschleunigung, Währungs­ turbulenzen und nicht zuletzt Ölpreis­ krise, begann der Konsens der fünfziger und sechziger Jahre zunehmend abzu­ bröckeln. Der alte Wunsch konservati­ ver Kapitalinteressen, in ihrer Dispo­ sitionsfreiheit und ihren Gewinnchancen möglichst wenig durch staatliche Ein­ griffe, mi l itante Gewerkschaften und hohe Steuern für Sozialausgaben ein­ geengt zu werden, konnte nun wieder - zunächst zögernd, dann aber immer 257