Wirtschaft und Gesellschaft Mangel, Erkenntnis und Innovation Rezension von: Caroline Gerschlager, Konturen der Entgrenzung. Die Ökonomie des Neuen im Denken von Thomas Hobbes, Francis Bacon und Joseph Alois Schumpeter, Metropolis­ Verlag, Marburg 1996, 136 Seiten. Die weltweite Ausdehnung der Wirt­ schaftskrisen stellt die Wissenschaften , n icht zuletzt d ie Ökonomie, vor neue Herausforderungen. Angesichts der gravierenden Problemlagen werden mit wachsendem Nachdruck die Beiträge der maßgeblichen Diszipl inen und im speziellen der ökonomischen Theorie zum Verständnis und zur Lösung der globalen Krisen eingefordert. Der Ursprung der Probleme verweist auf die lange Geschichte der neuzeitli­ chen EntwicklunQ_sdynamik, die durch das permanente Uberschreiten säkula­ rer Grenzen gekennzeichnet ist. Indes­ sen ist die Bilanz d ieser historischen Beschleunigung n icht eindeutig : zwar schlagen expansives Wachstum und die Befreiung des ökonomischen Den­ kens aus den Fesseln der religiösen Vormundschaft als Erfolg zugute. Je­ doch ist die wirtschaftliche Entgrenzung um den Preis neuer Grenzen des Wirt­ schattens erkauft, die sich beispielswei­ se aus dem unkontrollierten Ressour­ cenverbrauch , der Umweltzerstörung und der Verengung des ökonomischen Denkens auf das Rationalkalkül erge­ ben. Mit drei "Tiefenbohrungen" in das Denken von Thomas Hobbes, Francis Bacon und Joseph Alois Schumpeter werden im vorliegenden Band die Me­ chanismen der Entgrenzung rekonstru- 436 23. Jahrgang ( 1 997) , Heft 3 iert, um die Logik jenes Denkens, "wel­ ches einst als neu galt", (S. 1 0) beispiel­ haft zu problematisieren. Caroline Ger­ schlager verfolgt die Spuren dieses Denkens zurück bis ins 1 7. Jahrhun­ dert, als die "Produktion des Neuen" zum Prinzip erhoben wurde, und stellt die Frage, ob n icht die Kultur des Neu­ en "mittlerlerweile alt geworden ist"? (S. 1 3). Denn das Veraltern einstiger Inno­ vationen hätte tiefgreifende Konse­ quenzen für das kategoriale System gegenwärtigen ökonomischen Den­ kens: "Ökonomie müßte sich einer Neukonfiguration von Alt und Neu stel­ len" (ebd. ) . Zu d iesem Zweck werden die Kategorien Mangel und Knappheit, Wissen und Erkenntnis, Innovation und das Neue einer exemplarischen Analy­ se unterzogen. Mangel und Knappheit Der aktuellste Mangel ist wohl der an existenzsichernden Arbeitsplätzen. Das Denken, das diese Situation nur als Mangelsituation thematisiert, wurde im 1 7. Jahrhundert entwickelt. Thomas Hobbes schildert 1 651 in seinem Werk "Leviathan" mit dem Modell des Natur­ zustandes einen Zustand der Knappheit der Gütermenge. Dabei handelt es sich n icht um eine vorgefundene objektive Knappheit, sondern eine subjektive: Hobbes verlegt den Mangel in die Sub­ jektivität des Individuums und konstitu­ iert damit das unendlich bedürftige Indi­ viduum. Knappheit äußert sich in einer psychischen Befindlichkeit und wird durch drei Konfliktursachen, das Wett­ streben, den Argwohn und die Ruhm­ sucht, produziert. Das Leben ist ein Wettlauf zur Überwindung von Knapp­ heit. Selbsterhaltung erzwingt das per­ manente Streben nach mehr, sowohl für die Gegenwart als auch zur Ermög­ lichung zukünftiger Bedürfnisbefriedi­ gung. Dieser Zwang zur Eigenvorsorge wird durch den Argwohn verstärkt, der damit auch die Dynamik der Knapp-