23 . Jahrgang ( 1 997) , Heft 3 heitsüberwindung beschleunigt. Die Ruhmsucht trägt ebenfalls zur sozial produzierten Knappheit bei, da mit der Anhäufung von Gütern auch das Be­ dürfnis nach Anerkennung befriedigt werden sol l . Knappheit ist damit nicht mehr "ein objektiver Tatbestand von Welt", son­ dern wird duch die individuelle Projekti­ on der (unbegrenzten) "Bedürfnisse auf die Welt erzeugt". Damit die Leiden­ schaften , mit denen die Knappheits­ überwindung verfolgt wird, nicht zu Mord und Totschlag führen, entwirft Hobbes den autoritären Staat. Dabei sind die Leidenschaften und Begierden noch negativ besetzt. Über hundert Jahre später, 1 776, werden sie durch Adam Smith positiv gewendet, indem sie in den Bereich der Arbeit und des Erwerbs produktiv umgelenkt werden und "zum Wohlstand der Nationen" bei­ tragen . D ie innerökonomische Reflexion des Knappheitsproblems setzt bis heute bei den unbegrenzten Bedürfnissen an und hat ihre Befriedigung über Produktion zum Ziel. Die Neoklassik macht Knapp­ heit zur Ausgangsbedingung ihres öko­ nomischen Denkens. Mit der Produkti­ onslogik der Ökonomie, die Wachstum zum Ziel hat, läßt sich der Mangel aber nie überwinden. Denn Knappheit - Man­ gel - ist die Kehrseite der Reichtums­ produktion, da neue Bedürfnisse produ­ ziert werden, und damit neue Knappheit auf einer höheren Stufe der Produktion. Aber n icht nur das individuelle Man­ gelempfinden sorgt für Entgrenzung und Expansion, sondern auch die Kapi­ tallogik. Als solche hat Marx die Ent­ grenzung als Unersättl ichkeit des Kapi­ tals zum Thema gemacht. Das mehr­ wertsuchende Kapital zwingt zur Akku­ mulation, zwingt immer mehr Reichtum in Form von Waren anzuhäufen. "Eine erweiterte Ökonomie müßte heute das Verhältnis von Überschuß und Knappheit zum Ausgangspunkt ih­ rer Betrachtung machen" (S. 1 3), denn Wirtschaft und Gesellschaft moderne Rational ität ist im Mangel fun­ d iert. Das unersättl iche Begehren und die Akkumulationslogik sind die theoreti­ schen Bezugspunkte der neuzeitl ichen Entgrenzung. Die Autorin bezeichnet sie als "Möbiusschleifen der Ökono­ mie", die Systeme etablieren, die von selbst zu laufen scheinen. Sie bergen die Gefahr in sich , daß sie außer Kon­ trolle geraten, wie wir es heute beim Problem der Erwerbsarbeitslosigkeit vor uns haben. Der Verlust des "politi­ schen Handelns" (Hannah Arendt), der diese neuzeitliche Entwicklung beglei­ tet, da sich Politik dem Regime der Knappheit unterwarf, ist heute die wirk­ liche Knappheit der wissenschaftlich­ technisch-ökonomischen Gesellschaft. Sie wurde von Francis Bacon ebenfalls im 1 7. Jahrhundert thematisiert. Wissen und Erkenntnis: "Wissen ist Macht" Die neuzeitliche produktive Knapp­ heitsüberwindung und die Knappheits­ produktion wären ohne eine neue Me­ thode der Erkenntnisgewinnung, der auch eine neue Organisation von Wis­ sensgewinnung entsprach , nicht mög­ lich gewesen. Die Autorin zeigt in einer zweiten "Tiefenbohrung", daß die Grundlagen dafür in Francis Bacons Roman "Neu-Atlantis" (1 624) und im Werk "Die große Erneuerung" (1 620) zu finden sind. Denn nach Francis Bacon sollte die Macht des Menschen bis an die Gren­ zen des Möglichen ausgedehnt und eine "Veränderung der menschl ichen Lebensverhältnisse im Ganzen" be­ wußt herbeigeführt werden . Dazu brauchte es "ein neues Denken", das nicht am Sein der Dinge, sondern am Werden der Dinge interessiert ist. Die Aufgabe von Wissenschaft und Theo­ riebildung sei es nicht, eine Meinung zu vertreten , sondern zur Verbesserung 437