Wirtschaft und Gesellschaft der materiellen und sozialen Lebensbe­ dingungen beizutragen. Bacon entwarf in "Neu Atlantis" eine Gesellschaftsordnung, die auf Begrif­ fen und Konzepten aufbaut, in denen wir immer noch denken. Die Bewunde­ rung in "Bensalem", der Hauptstadt von Neu Atlantis, gilt den Wissenschaftern als Forschern, Entdeckern und Kon­ strukteuren einer Weit, "die die wahre Natur der Dinge suchen". Damit soll die Weit neu geschaffen werden. Das setzt voraus, daß die unmittelbar sinnl ichen Erfahrungen (die Idole) - das Konkrete - "zum Opfer gebracht werden", denn sie behindern den Menschen bei seiner Suche nach der "reinen und abstrakten Erkenntnis" (S. 68). Um d iese zu erlan­ gen , müssen alle Verführungen des Verstandes durch die Sinne elimin iert werden . Es geht um die Entwicklung und Etablierung des neuen Denkens, das sich an abstrakten Prinzipien orien­ tiert und das durch mathematische Ex­ aktheit, logische Strenge, theoretische Gewißheit und "moralische Reinheit" gekennzeichnet ist (S. 68). Dazu braucht es die systematische Erkennt­ nis und eine Methode, wie man denken muß, um erfinden und entdecken zu können, um den "Beginn einer neuen Gewißheit zu begründen". Diese Ge­ wißheit, die Existenz, Erkennbarkeil und Bedeutung von Wahrheit "soll durch die systematische und d iszipli­ nierte Anwendung der empirischen Me­ thode" erlangt werden (S. 83 f. ) . Eine Erkenntnis ist dann wahr, wenn sie zu Resultaten führt, die angewandt werden können , letztendlich, wenn sie in Technik materialisierbar wird und der materiellen Produktion von Gütern dient. "Der Wahrheitsbeweis besteht ab nun darin , daß die Technik, der Fort­ schritt, die Maschinen funktionieren" (S. 95). Voraussetzung dazu ist die Eta­ blierung des Experiments, dessen Wirklichkeit man selbst produziert wie z .B . das Vakuum. Erkenntnis ist experimentell und an 438 23. Jahrgang ( 1 997), Heft 3 der Herstellung interessiert, daher wird auch das Verhältnis zur Natur neu defi­ niert: Von Anfang an waren Eingriffe und ihre "radikale Umgestaltung" beab­ sichtigt. Dieser Entwurf des Denkens, der sich im 1 7. Jahrhundert konstituierte, kann dadurch charakterisiert werden, daß er die instrumentelle menschliche Rational ität in den Mittelpunkt rückt und auf die Realität zugreift. Dies ermög­ lichte die Entgrenzung d ieser Methode als Anwendung auf alle Wirklichkeits­ bereiche und löste damit die neuzeitli­ che Dynamik aus. Es hat damit einen Herstellungsprozeß an Wissen und Gü­ tern in Gang gesetzt, der heute an ei­ nem Endpunkt sein könnte, da eine Modellweit hergestellt ist, "die von der Naturwirklichkeit des Menschen und der Umwelt weitgehend abgelöst ist" (S. 98). Ist daher auch diese neue Denkme­ thode alt geworden? Wenn ja, welche Denkmethode braucht es zur Lösung von Problemen, die als Kuppelproduk­ te der Baconsehen Erkenntnismethode produziert wurden? Aktuelle (ökonomi­ sche) Theoriebildung "müßte" eine Methode entwickeln, die auch die Sinne (Idole) miteinschließt und der Plural ität der verschiedenen Wirklichkeiten ge­ recht wird . Eine "große Erneuerung" müßte wie im 1 7. Jahrhundert auch heute eine Reorganisation der Wissen­ schaft umfassen . Denn ein neues Denken setzt auch "neue Formen von Wissenschaftskooperation" voraus (S. 1 0 1 ). Ökonomie und Innovation Mit der dritten "Tiefenbohrung" bleibt die Autorin im 20. Jahrhundert. Es ist eine Rekonstruktion von Joseph Alois Schumpeters Versuch, das Neue zu denken. Denn mit seiner "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" ( 19 12 und 1 926) tritt das Neue "in den Mittel­ punkt des Ökonomischen Denkens" (S.