23 . Jahrgang ( 1 9 9 7 ) , Heft 4 Wirtschaft und Gesellsc haft Editorial Quesnay lebt (und Keynes ist am Genesen) oder Die europäische Konjunktur am Vorabend der dritten Stufe der WWU Die Profession der Konj u n ktu rforscher, sowoh l der Analytiker als auch der Prognosti ker, steht wieder einmal vor besonders g roßen Herausforderu ngen. Die Entscheidung ü ber den Teilneh­ merkreis an der gemeinsamen europäischen Währung rückt im­ mer näher, und dazu stellen die präzise und rezente quantitative Bewertung der Wirtschaftslage sowie eine möglichst exakte Vor­ schau notwendige Voraussetzungen dar. Und genau dies ist der­ zeit ein besonders schwieriges Unte rfangen . Denn einerseits ist die statistische Datenlage d u rch die Weiterentwickl ung des Bin­ nenmarktes sowie d u rch zahlreiche Systemumstel l ungen zum Zwecke der Harmonisierung kräftig d u rcheinander gebeutelt, andererseits wird vielfach auch damit gerechnet, daß gerade im Jahr "t-1" sowohl Ökonomen als auch F inanzmärkte von einer besonders ausgeprägten Nervosität befal len werden und damit die wirtschaftliche Entwicklung bis zum 1 . Jänner 1 999 besonde­ ren Unsicherheiten ausgesetzt sei n könnte, welche eben aus der bevorstehenden Entscheidung über die Tei l nahme am Euro und aus den zu fixierenden endgültigen Umrechn u ngsverhältnissen resultieren. Hier soll daher eine knappe Einschätzung versucht werden, wo die europäische Wirtschaft am Vorabend der d ritten Stufe der Währungsunion steht, warum sie hier steht und in wel­ che Richtung sie sich bewegen könnte. I. Schon d e r Versuch , die erste Frage (nach d e m "Wo") eindeu­ tig zu beantworte n , ist mit g roßen U nsicherheiten verbu nden, vergegenwärtigt man sich etwa die widersprüchlichen Meldun­ gen ü ber Rekordgewinne einerseits u n d ü ber u nverändert un­ trag bar hohe und teils sogar noch steigende Arbeitslosenraten andererseits. Faktum ist, daß die europäische Wirtschaft seit der tiefen Rezession 1 993 u n d dem neuerl ichen Rückschlag 1 995/ 96 einen langsamen und zähen Aufschwung erlebt, der nicht so recht an Eigendynamik gewinnen w i l l . Die Wachstumsraten der zweiten Hälfte der achtziger Jahre (von der EU-Kommission ger- 441