Wirtschaft und Gesellsc haft Die Industrielle Revolution im Überblick Rezension von: Toni Pierenkemper, Umstrittene Revolutionen. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1996, 197 Seiten, öS 1 38,-. Nach übereinstimmender Auffas­ sung aller Forscher repräsentiert die In­ dustrielle Revolution die größte histori­ sche Veränderung seit dem Neolithi­ kum, als die Menschen begannen, seß­ haft zu werden. Jahrtausende hindurch änderten sich die Strukturen von Ge­ sellschaften und Produktion kaum. Die Masse der Bevölkerung war mit agrari­ scher Erzeugung am flachen Land be­ schäftigt, ständig in ihrer Existenz durch Mißernten bedroht. Die Industria­ l isierung brachte eine fundamentale Änderung aller Lebensbedingungen. Wir leben in einer städtischen Wohl­ standsgesellschaft, in welcher nur mehr ein Bruchteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist. Dieser Prozeß wurde in Europa ein­ geleitet und determiniert seither, im po­ sitiven wie im negativen Sinne, die Ent­ wicklung auf der ganzen Weit. Es er­ scheint daher nur konsequent, wenn eine Taschenbuchreihe, die sich einen Überblick über die "Europäische Ge­ schichte" zum Ziel gesetzt hat, einen Band über diesen Prozeß herausbringt. M it der Abfassung d ieser Studie wurde der renommierte Frankfurter Wirt­ schaftshistoriker Ton i Pierenkernper betraut. Dessen Konzept besteht darin , den lndustrialisierungsprozeß, seine Cha­ rakteristika, Gemeinsamkeiten, aber 584 23. Jahrgang ( 1 99 7 ) , Heft 4 auch Unterschiede anhand seines Ab­ laufes in den wichtigsten europäischen Ländern zu demonstrieren. Hiebei legt er das Hauptgewicht auf die technisch­ innovatorische Entwicklung bestimm­ ter, für die Industrialisierung eines Lan­ des charakteristischer, Leitsektoren. Er demonstriert das für England, dem Ursprungsland der Industriellen Revolution , an der Baumwoll industrie , an ihren technischen Neuerungen, wel­ che zu signifikanten Qual itätssteigerun­ gen und dramatischen Verbil l igungen des Produkts führten; an ihren Auswir­ kungen für d ie vor- und nachgelagerten Produktionsbereiche, welche in letzte­ ren zur Entwicklung der Maschinenin­ dustrie führten, wie auch an ihrer Be­ deutung für d ie Arbeitsorganisation und damit auch für den Arbeitsmarkt. Wichtig ist auch sein Hinweis darauf, daß für d ie Industrial isierung weniger der Stand des techn ischen Wissens entscheidend war - darin wurde Eng­ land deutlich von Frankreich übertrof­ fen -, sondern dessen wirtschaftl iche Anwendung, also die Innovation. Dieser Umstand erwies sich auch für die Industrialisierung Belgiens als maß­ gebl ich , welches nach Auffassung des Autors das erste Land auf dem Konti­ nent war, das die Industrialisierung voll­ zog. (Andere Autoren betrachten die Schweiz als solches. ) Dieses über­ nahm nämlich ausschließlich die in England entwickelten technischen Neuerungen und wandte sie für seine Betriebe an. Die belgisehe Industrialisierung sei im übrigen durch ein Merkmal charak­ terisiert, das die kontinentale Entwick­ lung von jener Englands unterscheide, nämlich das starke Engagement des Staates in d iesem Prozeß. Dieses lasse sich überdies schon auf die der industri­ ellen Revolution vorangehende Phase der "Protoindustrialisierung" zurückver­ folgen. Und dieser Aspekt gewinnt für die Österreichische Wirtschaftsgeschichte