23 . Jahrgang ( 1 997), Heft 4 an Bedeutung, denn Pierenkernper be­ tont die Pol itik der Industrieförderung schon zu Zeiten der Österreichischen N iederlande, also vor 1 794. Nun wurde zwar der Merkanti l ismus in Österreich mehrfach untersucht, eine Analyse sei­ ner Wachstumseffekte , insbesonders mit quantitativen Ergebnissen, existiert kaum, ebensowenig wie Untersuchun­ gen über den wirtschaftl ichen Rück­ schlag durch die Napoleonischen Krie­ ge, so daß die Voraussetzungen der In­ dustrialisierung im heutigen Bundesge­ biet noch weitgehend im dunkeln lie­ gen . Hingegen vollzog sich die Industriali­ sierung in Frankreich eher schleppend, das Land, das noch um 1 800 im Durch­ schnittseinkommen an der Spitze Euro­ pas gelegen war, fiel bis zum Er­ sten Weltkrieg deutlich zurück. Pieren­ kernper analysiert die Ursachen d ieses Rückfalls unter neoinstitutionalisti­ schen Ansätzen und gelangt damit zu dem Ergebnis, daß ein Grund dafür in der kleinbetriebliehen Struktur der fran­ zösischen Landwirtschaft lag . Sie resul­ tierte aus der frühzeitigen Eigentums­ übertragung an die Bearbeiter des Bo­ dens durch die französische Revoluti­ on. Diese frühe - bescheidene - Ein­ kommenssicherung sei durch eine pro­ tektionistische Außenhandelspolitik ab­ gestützt worden. Daraus ergaben sich geringe Anreize zur Produktivitätssteigerung sowie hohe Lebensmittelpreise mit entspre­ chenden Effekten für die Löhne, wo­ durch die Konkurrenzfähigkeit der Indu­ strie e ingeschränkt wurde. Wie denn auch die dadurch bedingte ländliche, traditionalistische Prägung der franzö­ sischen Gesellschaft einem dynami­ schen Unternehmertum nicht förderlich war. Aber auch das Festhalten an der Schutzzollpolitik führte zu negativen Konsequenzen für die Konkurrenzfä­ higkeit der französischen Industrie, wel­ che dadurch gezwungen war, auf weni- Wirtsch aft und Gesellschaft ger kompetitive Märkte auszuweichen, auch auf die eigenen Kolonien . Schließl ich verursachte die traditionel­ le Orientierung des französischen Kapi­ talmarktes auf die Finanzierung des Staates, der Verkehrsinfrastruktur und des Auslandes Schwierigkeiten für die lndustriefinanzierung. Von institutionellen Hemmnissen die­ ser Art war die deutsche Wirtschaft weit weniger betroffen. Dort setzte um die Mitte des 1 9. Jahrhunderts ein Wachs­ tumsschub auf breiter Basis ein , der von mehreren gleichwertigen Füh­ rungssektoren getragen wurde, nämlich Eisenbahnbau, Steinkohlenbergbau , Eisen- und Stahl industrie sowie Schwermaschinenbau . Dazu gesellten sich im letzten Drittel des Jahrhunderts die Chemie- sowie Elektroindustrie, welche letztl ich die Weltgeltung der deutschen Wirtschaft symbolisierten . Demgegenüber repräsentierte Ruß­ land den typischen Spätstarter. Dieses war schon durch die Lage am Rande Europas, ohne Verbindungen zu ande­ ren ökonomisch relevanten Regionen, benachteiligt. Entscheidend freil ich blieb d ie institutionelle Rückständigkeit. Noch um 1 850 bot sich Rußland als ein durch feudale Bindungen geprägter Agrarstaat dar. Besonderes Interesse verd ient aber­ mals die institutionenökonomische Analyse der russischen Agrarwirtschaft nach Aufhebung der Leibeigenschaft 1 861 . Sie brachte nämlich lediglich ge­ ringe Produktivitätsfortschritte. Nicht nur waren die Bauern zu hohen Ablöse­ zahlungen verpfl ichtet, sondern d ie ge­ samte Dorfgemeinschaft (mir) blieb für die Zahlung von Steuern und Abgaben verantwortl ich. Die Zuteilung der Ak­ kerfläche an die einzelnen Bauernfami­ l ien erfolgte in regelmäßigen Abstän­ den neu und bemaß sich nach der Fa­ mil iengröße. Dieses System mußte jegliche "kapitalistische" Modernisie­ rung der Landwirtschaft schwerstens behindern . Unter diesem Aspekt bieten 585