24. Jahrgang ( 1 998) , Heft 1 Gerechtigkeit aus soziologischer Perspektive Rezension von: Hans-Peter Müller, Bemd Wegeuer (Hrsg.), Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit, Leske und Budrich, Opladen 1995, 335 Seiten, öS 3 2 1 ,- . Dieser Tagungsband bietet Lesern , die nicht mit soziologischer Literatur vertraut sind, zunächst eine Überra­ schung: Soziologie hat sich bisher nur wenig mit Gerechtigkeit und Ungerech­ tigkeit von Gesellschaften und sozialen Strukturen beschäftigt. Es geht also um wissenschaftl iches Neuland. Die Ursa­ che dafür ist, daß Gerechtigkeitsvor­ stellungen normative Ideen sind und daher von Ungleichheit n icht ohne wei­ teres auf Ungerechtigkeit geschlossen werden kann. Zwar nimmt die soziologi­ sche Ungleichheitsforschung ihren Im­ petus oft von Vermutungen der damit verbundenen Ungerechtigkeit, wie im Vorwort betont wird , aber ein d irekter Zusammenhang kann n icht ohne weite­ res hergestellt werden. Ein zentraler Aspekt fast aller Beiträ­ ge in diesem Buch ist daher die Frage, was die Soziologie, insbesondere die quantitativ-empirisch arbeitende Sozio­ logie, zur Diskussion von Gerechtigkeit beitragen kann. Im Einleitungsbeitrag der Herausgeber wird d iese Frage an­ hand der Gegenüberstellung der Ge­ rechtigkeitstheorien von Rawls und de­ nen der Kommunitaristen , allen voran der von Michael Walzer, d iskutiert. Rawls ging, vor allem i n seiner frühen Theorie, von abstrakt gedachten Indivi­ duen aus, und stellte die Frage, wie eine gerechte Gesellschaft beschaffen sein müßte , die von diesen Individuen als solche akzeptiert werden könnte. Es Wirtschaft und Gesellschaft war die Frage nach einer Universalisti­ schen Theorie der Gerechtigkeit, also unabhängig von jeder konkreten Ge­ sellschaft. Von kommunitaristischen Kritikern wurde darauf h ingewiesen , daß dieser Ausgangspunkt unzulässig sei. Individuen müssen nämlich immer als Teilnehmer einer bestimmten Ge­ sellschaft gedacht werden. Daher kön­ nen deren Gerechtigkeitsvorstellungen n icht unabhängig von dieser Gesell­ schaft gedacht werden. Für die Soziologie hat d iese Diskus­ sion große Bedeutung, und kaum einer der Beiträge in diesem Band bezieht sich nicht darauf. Wenn es nämlich kei­ ne universelle Gerechtigkeitsvorstel­ lung geben kann, dann sind empirisch gegebene Gerechtigkeitsvorstellungen n icht bloß Meinungen von Personen über gesellschaftliche Verhältnisse, sondern sie sind selbst ein Element der Struktur der Gesellschaft. Die Schwie­ rigkeit ist, daß Soziologen auch mit dem marxistischen Konzept des "fal­ schen Bewußtseins" arbeiten, daher die von Personen geäußerten Vorstellun­ gen von den möglicherweise ungerech­ ten Strukturen geprägt sind. Auf d iese Vorstel lung und die Schwierigkeiten, die sich daraus für soziologische For­ schung zur Gerechtigkeit ergeben , wird in einigen Beiträgen hingewiesen. Die Problematik dieser Forschung wird an den empirischen Beiträgen in d iesem Buch deutlich. Es werden Ein­ stellungen zu Fragen, die üblicherweise mit Gerechtigkeitsproblemen in Zu­ sammenhang gebracht werden, erho­ ben und mit gesellschaftlichen Struktu­ ren und anderen Aspekten gesell­ schaftl ich relevanter Ideologien in Be­ ziehung gesetzt. Es werden zwei ver­ gleichende Studien über die USA und BRD referiert, wobei sich eine mit Ver­ gleichen zwischen einigen OECD-Län­ dern beschäftigt, während die andere Einstellungsunterschiede zwischen der alten BRD und den neuen Bundeslän­ dern behandelt. 1 3 9