24. Jahrgang ( 1 998) , Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft Editorial Finanzmarktlotterie als Transformationsstrategie Eine "zunehmende Kluft zwischen schnellen und langsamen Reformländern" konstatierte das Wiener Institut für internationa­ le Wirtschaftsvergleiche in seinem im Juni erschienen Bericht zur wirtschaftl ichen Entwicklung der Transformationsländer (1 ) . Zu den Ländern , in denen die seit 1 989 neu geschaffenen Struktu­ ren bereits eine gewisse Tragfähigkeit erreicht haben und die seit einigen Jahren ein stärkeres Wachstum verzeichnen (wenn­ gleich nicht ohne Einschränkungen), zählen die Nachbarländer Österreichs: S lowenien, Ungarn, Tschechien , dazu Polen . l n d ie­ sen Ländern verläuft der Konsolidierungs- und Wachstums­ prozeß zwar nicht kontinuierl ich : während das Wachstum in Län­ dern mit langsamerem Start (Ungarn , Slowenien) in letzter Zeit besser in Fahrt kommt, hat d ie Wirtschaft der Tschechischen Republik nach einer Phase raschen Wachstums 1 994/96 nun 1 997/98 einen Rückschlag hinnehmen müssen. Lediglich Polen , das von den Beitrittskandidaten das n iedrigste Ausgangsniveau hatte, darf sich heuer im sechsten Jahr eines ungebrochenen Wachstumstrends erfreuen . Richtet man den Bl ick weiter nach Osten, so bietet sich al ler­ d ings ein wesentlich ungünstigeres Bi ld dar. Weder Rumänien noch Bulgarien haben bis 1 997 die am Anfang der Transforma­ tion stehende Phase der Stabilisierungskrise hinter sich ge­ bracht. Die Hoffnungen, daß Rußland dies im Jahr 1 998 gelin­ gen könnte, sind durch den im August d ieses Jahres eingetrete­ nen Kol laps des russischen Finanz- und Währungssystems de­ fin itiv zerstört worden. Dabei sprachen bis vor kurzem verschiedene Anzeichen dafür, daß in Rußland 1 997 eine Wende im Transformationsprozeß eingetreten sein könnte. Erstmals in den neunziger Jahren kam der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zum Stillstand. Die In­ flationsrate war im Jahresabstand unter 1 0% gesunken . Auch die Umwandlung der Eigentumsverhältnisse war seit 1 993, dem eigentlichen Beginn der Privatisierung, durchaus vorangekom­ men . Laut einer Bestandsaufnahme von 1 996/97 wurde "mehr als 70% des offiziellen B IP im privaten bzw. nichtstaatlichen Sek­ tor hergestellt (laut OECD hatte nur Tschechien 1 996 mit 8 1% eine höhere Quote). Wenn man bedenkt, daß die Schatten­ wirtschaft nach diversen Schätzungen 20 bis 40% zusätzl ich zum offiziellen B IP produziert, so werden die Maßstäbe und die 437