24. Jahrgang ( 1 998), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft gen. Dennoch scheint es schwer von der Hand zu weisen zu sein , daß auch die Einkommensverteilung auf Familienplanung und Bevölkerungs­ wachstum einwirkt. Für entwickelte Staaten hingegen dürfte dieser Me­ chanismus keine allzu große Rolle spielen, und wir möchten hier nicht nä­ her auf ihn eingehen. (60) Nachfrageseifige Erklärungsansätze gehen von der Beobachtung aus, daß die Einkommensverteilung einer Ökonomie sich auch in der Zusam­ mensetzung der gesamtwirtschaftl ichen Nachfrage widerspiegelt. Späte­ stens seit den Untersuchungen des sächsischen Ministerialbeamten E. Engel im letzten Jahrhundert ist es unumstritten , daß ärmere Haushalte anders zusammengesetzte Konsumbündel nachfragen als reiche Haus­ halte. Im besonderen nimmt der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel ab, wenn sich das Haushaltseinkommen erhöht. (6 1 ) Die Güternachfrage einer Gesellschaft bestimmt aber auch indirekt die Faktornachfrage, welche ihrerseits wiederum auf die Einkommensvertei­ lung zurückwirkt. Fragen etwa d ie vermögenden, kapitalbesitzenden Haushalte hauptsächlich solche Güter nach, die kapitalintensiv erzeugt werden, so führt das tendenziell zu einer Verstetigung der anfängl ichen Einkommensvertei lung. Wenn hingegen die nachgefragten Luxusgüter arbeitsintensiv hergestellt werden , so könnte das langfristig zu einer Ver­ ringerung der Einkommensungleichheit führen , da die Entlohnung der Produktionsfaktoren der ärmeren Haushalte nun steigt. Der Zusammenhang zwischen Einkommen, Nachfrage und Verteilung ist allerd ings komplex und läßt keine allgemeingültigen Schlußfolgerungen zu . Die Komplexität wird noch zusätzlich erhöht, wenn man bedenkt, daß die abgeschätzte Massenkaufkraft einer Ökonomie auch die Innovations­ bereitschaft von Unternehmern beeinflußt. Rentiert sich die Entwicklung bzw. Markteinführung innovativer Produkte nur dann , wenn sie in großen Mengen hergestellt und abgesetzt werden können (d.h . wenn mit steigen­ den Skalenerträgen produziert wird) , so kann eine sehr ungleiche Einkom­ mensverteilung mit der damit einhergehenden beschränkten Nachfrage nach neuen Gütern das Ausbleiben von I nnovationen zur Folge haben. Dadurch sinkt das technologische bzw. das Produktivitätswachstum und letztlich auch die Wachstumsrate einer Wirtschaft (62). Klassische Ökonomen und Keynesianer haben häufig bemerkt, daß die Einkommensverteilung auf das aggregierte Sparverhalten zurückwirkt, da reiche und arme Haushalte typischerweise unterschiedliche Sparquo­ ten besitzen . ln den ursprüngl ichen Beiträgen ging man davon aus, daß ein hoher Grad an Ungleichheit, bei welchem ein großer Anteil des Volks­ vermögens in den Händen einer Oberschicht konzentriert ist, das Wachs­ tum einer Wirtschaft beschleunigen wird , da diese auch höhere Sparquo­ ten und eine stärkere Akkumulationsbereitschaft besitzt. Das wäre dann - entgegen der bisherigen Diskussion - ein Beispiel dafür, daß mehr Un­ gleichheit zu höherem Wachstum führen kann , was aber in Widerspruch zu den empirischen Fakten steht. Um den Sparquotenansatz also mit der empirischen Evidenz in Einklang zu bringen, muß man untersuchen, ob 461