24. Jahrgang ( 1 998), Heft 4 sehen Wirtschaftsdenken anknüpften, zuwenig beachtet worden. Barkai stell­ te dagegen eine 'Kontinuität' innerhalb der deutschen Volkswirtschaftstheorie des 1 9. und 20. Jahrhunderts heraus, deren Hauptmerkmal, bei aller Ver­ schiedenheit, eine autoritäre und meist organ ische Staatsauffassung war, die mit mehr oder weniger Nachdruck auf das Gebiet der Wirtschaft übertragen wurde und an deren Ende der National­ sozialismus stand. Janssen untermauert in d ifferenzier­ ter Weise diese vage formulierte Auf­ fassung Barkais. Es gibt eine solche Kontinuität im deutschen Wirtschafts­ denken, und es lassen sich darüber hin­ aus noch weitere Kriterien angeben, die der Nationalsozial ismus mit älteren deutschen nationalökonomischen Strö­ mungen teilte: die Theoriefeindlichkeit etwa und eben das Bestreben, einen ei­ genen deutschen Weg in der Volkswirt­ schaftslehre einzuschlagen, der sich deutlich von den international vorherr­ schenden klassischen Richtungen ab­ hebt und aus den Eigenarten der deut­ schen Geschichte, des deutschen Gei­ stes und/oder des deutschen Volkes er­ wachsen sollte. Dies kann n icht nur im allgemeinen, so Janssen, sondern im besonderen auf so unterschiedlichen Gebieten wie beispielsweise der Sozial­ politik oder der Geldlehre festgestellt werden. H ingegen kann Janssen aber n icht die These bestätigen, daß das natio­ nalsozialistische Wirtschaftsdenken schlicht die logische Fortsetzung der romantischen oder h istoristischen Volkswirtschaftslehre gewesen sei. Ihre dogmengeschichtlichen Bezugnahmen waren oft oberflächlich und im nachhin­ ein konstruiert. Die Nationalsozialisten wollten sich eine große Vergangenheit geben und schreckten auch vor platter Geschichtsfälschung nicht zurück. Dogmengeschichtlich besehen, so Janssen, stellten das nationalsozialisti­ sche Wirtschaftsdenken und die da- Wirtschaft und Gesellschaft durch beförderte Entwicklung in den dreißiger Jahren weniger eine Wende in der deutschen Nationalökonomie an sich dar, als vielmehr einen Bruch mit den klassisch-neoklassischen Traditio­ nen in ihr, die - und das ist in diesem Zusammenhang bisher kaum gewür­ digt worden - in den zwanziger Jahren H istorismus und Romantik weitgehend aus deren dominierenden Stel lung ver­ drängt hatten. Heute wird oft nicht mehr hinreichend klar gesehen, daß die Ent­ wicklung der deutschen Nationalökono­ mie vor der nationalsozialistischen Machtübernahme von der Rivalität zweier Grundströmungen - Klassik und Historismus - geprägt war, die sich teil­ weise gegenseitig das Existenzrecht bestritten und an scharfer Polemik nicht sparten. Daraus leitet Janssen die nächste These dieser Untersuchung ab: Der hauptsächliche Einfluß des Nationalso­ zialismus auf die weitere Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre war nicht direkter Art in dem Sinne, daß plötzlich nationalsozial istisches Den­ ken die Fachl iteratur dominierte, son­ dern indirekter Natur. Der Nationalso­ zialismus wirkte quasi katalytisch auf das Kräfteverhältnis der rivalisierenden Richtungen ein. An der klassischen Na­ tionalökonomie orientierte Richtungen gerieten ins Abseits, während die in den zwanziger Jahren vermeintlich im Un­ tergang befindl ichen historistischen und romantischen Richtungen einer neuen Blüte entgegenzugehen schie­ nen. Das Rad der Dogmengeschichte, so Janssen, wurde nach 1 933 zunächst ein Stück zurückgedreht und die der deutschen Volkswirtschaftslehre das letzte Vierteljahrhundert innewohnende Entwicklungstendenz teilweise gewalt­ sam umgekehrt. Von der Emigration und Gleichschal­ tung waren Klassik und Neoklassik ver­ hältnismäßig stärker betroffen als Hi­ storismus und Romantik. Ganze Schu­ len, wie die Österreichische Grenznut- 599