24. Jahrgang ( 1 998), Heft 4 Österreichs Führungsschichten im 19. und 20. Jahrhundert Rezension von: Gernot Stimmer, Eliten in Österreich, 1848-1970, Böhlau Verlag, Wien - Köln - Graz 1997, 2 Bände, 1040 Seiten, öS 1 .680,-. Stimmers voluminöse Studie über die Eliten in Österreich will empirisch vergleichbare Aussagen über Sozial­ profil und Rekrutierungsmuster der Österreichischen Eliten für einen Zeit­ raum liefern , der die absolutistische und konstitutionelle Monarchie, die Er­ ste und Zweite Republik umfaßt. Dazu bedient er sich eines El itebegriffs, der system- und gesellschaftsübergreifend vergleichbar und durch die jeweil igen Führungsgruppen der verschiedenen politischen Systeme in Österreich kon­ kretisierbar ist. Stimmer baut dabei auf Hans P. Dreitzels El itebegriff und der von Wolfgang Schluchter formul ierten El itetrias von Wert-, Funktions- und Repräsentationselite auf. Die Österrei­ chische Ausformung dieser Trias fin­ det Stimmer in Gestalt der "Anstaltseli­ te" bzw. der "Bundelite". Unter dem Ty­ pus der "Anstaltselite" subsumiert Stimmer Frequentanten und Absol­ venten von Erziehungseinrichtungen , die n icht nur formales Leistungswissen und funktionale Fertigkeiten , sondern vor allem eine typenprägende Charak­ terbi ldung und soziale Rollenidentifi­ kation zum Ziel haben. Unter dem Oberbegriff der "Bundelite" rubrizieren die unterschiedl ichsten, meist studen­ tisch-akademischen Vereinigungen, die sich auf Grundlage personalisierter Freundschaftsbeziehungen zum Füh­ rungspotential der bürgerl ichen Ge­ sellschaft des 1 9. Jahrhunderts ent­ wickelten. Wirtschaft und Gesellschaft Die politische Führungsschicht der Monarchie war nach Stimmer keine uniforme, nach einheitlichen Auslese­ kriterien rekrutierte Elite, sondern eine Koalition verschiedener Elitegruppen, und zwar von Hochadel, Klerus, Offi­ ziers- und Reserveoffizierskorps, Hochbürokratie, den teils staatl ichen, teils kirchlichen, mi l itärischen und zivi­ len monarchischen Anstaltseliten sowie den politisch-nationalen Gegeneliten. Die Anstalts- und Bundeliten sehen sich als Leistungselite, die sich durch rationales Wissen und individuelle Tüchtigkeit ausweist. Sie wollen die askriptiven , auf Geburt und ständische Privilegien basierenden Selektionskri­ terien eines feudal-absolutistischen Sy­ stems beseitigen. Monarchische Elite und politisch-nationale Gegeneliten verbinden dieses funktionale Verständ­ nis von Leistung mit einer ausgepräg­ ten Wertehaltung, die den Wertekanon der Oberschicht bzw. der sozial oder national davon differenzierten Gruppen übern immt. Im Zuge der Transformation der poli­ tischen Führung der Monarchie von ei­ ner feudalen Führungsschicht zur mo­ dernen Leistungselite wurde ein Elitety­ pus etabliert, der sich vor allem durch eine historisch begründete Verquickung funktionaler Leistungselite, traditionaler Wertelite und mittelbarer Repräsentati­ onsel ite auszeichnet und der auf den sich entwickelnden Rechts- und Ver­ waltungsstaat zugeschnitten ist. Die "Gegenelite" zeigt von Anfang an eine spezifische Verschränkung zwi­ schen personalen (etwa des 1 848er­ Aktivisten, Korporationsstudenten oder des Mitglieds in "überparteilichen natio­nalen Schutzvereinen") und funktiona­ len (akademische Ausbildung, Karriere in der Privatwirtschaft oder in Parteien) Rollen auf. Trotz der phasenweise sehr deutlichen Abgrenzung von den Rollen­ kombinationen der herrschenden mon­ archischen Elite tendiert auch der Ty­ pus der Gegenelite zur Übernahme 603