Wirtschaft und Gesellschaft 26. Jahrgang (2000), Heft 3 Kons.?rvatismus (Großbritannien, USA und BRD in den späten siebziger und Osterreich in den mittleren achtziger Jahren) mit seinen neoliberalen Ausläufern in den neunziger Jahren.19 Einen Schritt in der Argumentationskette weiter zurück gehend, ortet Schulmeister ( 1 998) den Grund für die weltweite Liberal isierungs- und Konkurrenzierungstendenz in einem Übergang eines impliziten (sti llschwei­ genden) Kontrakts, und zwar weg von der I nteressenallianz zwischen den Investorinnen in Produktionskapital (Realkapital) und Arbeitnehmerlnnen­ schaft hin zu einem "invisible handshake" (einer I nteressengemeinschaft) zwischen Produktionskapital- und Finanzkapital- lnvestorlnnen: Zuerst wa­ ren niedrige Zinsen und ein stabiles Preisgefüge als vordringlich für hohe Anlageninvestitionen , Produktion und Beschäftigung betrachtet worden. Weil aber dadurch Vollbeschäftigung erreicht und die Arbeitnehmerlnnen­ schaft zu sehr gestärkt worden war, folgte ein Strategie- und All ianzwechsel (ein Defektieren vom impliziten Kontrakt) , was in die bis heute währende Interessenkoalition zwischen Finanz- und Realkapitai-Eignerlnnen münde­ te: Hohe Zinsen und flexible, ja sogar volatile Preis- und (Wechsei-)Kurs­ relationen werden seither als Voraussetzung für eine "industrielle Reserve­ armee", niedrige Löhne, hohe Renditen und spekulative Vermögens­ gewinne ("Casino-Kapitalismus") angesehen. 4.2 Wirtschaftspartnerinnenschaft versus Shareholder Value-Mentalität Die Österreichische Wirtschafts- und Sozialpartnerinnenschaft wird stets im Zusammenhang mit Austrokeynesianismus (frühe siebziger bis frühe achtziger Jahre) genannt - allerdings mit dem meist einseitigen Blick auf Preisniveau-Stabil isierung mittels Lohnzurückhaltung. Ergänzt wurde die­ se enge Sicht aber schon von Erich Streißler ( 1 976) , der die Kostenvortei­ le des sozialen Friedens und dessen Wachstumseffekte unterstreicht und eine ebenfalls kontrakttheoretische Sicht der Arbeitsbeziehungen entwik­ kelt. Danach würden lohn- und streikpolitische Zurückhaltung zwecks Gewinnerhöhung gegen eine Stabi l isierung der Beschäftigungsverhältnis­ se über den Wachstumszyklus hinweg impl izit "ausgetauscht". Herbert Walther ( 1 984) verbindet die Ansätze der Preis- und Beschäftigungs­ stabilisierung: Die kurzfristigen Produktivitäts- und Gewinnschwankungen, die auf Grund einer Stabil isierung der Beschäftigung seitens der Unterneh­ men bei konjunkturellen Nachfrageschwankungen auftreten , wären durch die Vermeidung von Lohn- und Preisspiralen infolge von Schocks motiviert. Abgesehen davon kann das die Beschäftigung stabilisierende Unter­ nehmensverhalten auch durch die Angst vor einer Verwirkl ichung des Wirtschaftsprogramms der SPÖ in Form einer Änderung der Entschei­ dungsverhältnisse in Richtung eines betrieblichen Mitbestimmungsrechts bei allen konstitutiven Unternehmensentscheidungen20 begründet gewesen sein, was nach Ende der Alleinregierung nicht mehr zutraf. Auch der Staat trug seinen Teil zum öffentlichen Gut Vollbeschäftigung bei , und zwar durch fiskalpolitische Maßnahmen (Beschäftigungspro- 334