Wirtschaft und Gesellschaft 26. Jahrgang (2000), Heft 3 gleichmäßigeren Verteilung der Erwerbsarbeit auf die einzelnen Haushalte zeigt. Dies wurde als das niederländische "Modell der eineinhalb Arbeitsplät­ ze pro Haushalt" beschrieben. Neben dieser spezifisch niederländischen Verteilung des Arbeitsvolumens auf vergleichsweise viele Köpfe hat auch das traditionell umfangreiche staat­ liche und sozialstaatliche Engagement mit dazu beigetragen, daß die nach OECD-Richtlinien standardisierten Arbeitslosenquoten in den Niederlanden heute auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau liegen. Neben der immer noch hohen Zahl an Frühverrentungen ist hierfür die aktive Arbeitsmarktpolitik verantwortlich, die nicht davor zurückschreckt, Dauerarbeitsplätze für beson­ ders betroffene Personengruppen entweder mit Hi lfe umfangreicher staatli­ cher Subventionen in der Privatwirtschaft oder sogar direkt unter staatlicher Regie im öffentlichen Dienst zu schaffen. Auf die trotz bereits erfolgter Ein­ sparmaßnahmen nach wie vor hohe Bedeutung des niederländischen Sozialstaats verweisen die niederländischen Ausgaben für Sozialleistungen, die heute mit rd . 30% des BIP im europäischen Vergleich nach wie vor eine Spitzenposition einnehmen.72 Dies zeigt, daß ein leistungsfähiger Sozialstaat kein Hindernis für eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, eine niedrige Arbeitslo­ senquote und eine beachtl iche Wachstumsdynamik darstellen muß.73 3.2 Die Frage der Übertragbarkeit Von besonderer Bedeutung für die niederländische Arbeitsmarkt­ entwicklung in den 1 990er Jahren war vor allem die Lohnzurückhaltung und die enorme Ausdehnung der Tei lzeitarbeit Diese beiden Aspekte sind es auch, die in der Öffentlichkeit inhaltlich mit dem "Poldermodell" verbunden werden, so daß sich insbesondere hierauf Fragen nach der Übertragbarkeit konzentrieren. Die Ausdehnung von Teilzeitarbeit, die im Kern nichts anderes als Arbeits­ zeitverkürzung ohne Lohnausgleich bedeutet, wird immer wieder als we­ sentliche Bedingung zur Beseitigung vorhandener Arbeitslosigkeit genannt. Allerdings sind die Möglichkeiten, durch die Ausweitung von Teilzeit­ beschäftigung Arbeitslosigkeit abzubauen, sehr verschieden. ln Deutsch­ land beispielsweise kann kaum mit einer vergleichbaren Entwicklung ge­ rechnet werden . Zum einen bestehen grundsätzl iche kulturelle Differenzen hinsichtlich der Einstellung zu Voll- und Teilzeitarbeit Die geringere Akzep­ tanz von Teilzeitarbeit bei männlichen Arbeitnehmern in Deutschland läßt darauf schließen, daß selbst bei einer deutlichen Ausweitung des Angebots an Teilzeitarbeitsplätzen dieses kaum, jedenfalls nicht in einem mit den Nie­ derlanden vergleichbaren Umfang, von bisher Vollzeit arbeitenden Männern nachgefragt würde. Außer dieser auf unterschiedlichen kulturellen Traditionen beruhenden Hürde, die einer den Niederlanden vergleichbaren Beschäftigungselastizität entgegensteht, läßt aber ein anderer Umstand wesentl ich stärker an der Möglichkeit einer deutschen Teilzeitoffensive, damit einer Senkung der Ar­ beitslosenquote über eine andere Verteilung der Erwerbsarbeit bei gleichen 354