27. Jahrgang (200 1 ) , Heft 2 ?---------- - -- -- - Wirtschaft und Gesellschaft KOMMENTAR "Schneller, höher, stärker" - oder vielleicht das Gegenteil Günther Chaloupek Absolute Gewißheit darüber zu ha­ ben, wer "der Beste" im Land, in Europa oder auf der Weit ist, entspricht offenbar einem unwiderstehlichen Bedürfnis. Von archaisch-märchenhaften Ursprüngen abgesehen, wird dieses Bedürfnis wohl hauptsächlich durch die "wichtigste Ne­ bensache" der Weit genährt, den Sport. Im Sport lassen sich solche absoluten Urteile vergleichsweise leicht fällen, doch stellen sich auch hier auf relativ niedriger Stufe der Komplexität des Sachverhalts immerwieder Fragen nach dem adäqua­ ten System der Besten-Ermittlung: Punktesystem nach Muster "Weltcup" oder Weltmeisterschaft als Einzelwett­ kampf etc. Bei größerer Vielfalt der Eigenschaf­ ten bzw. der Zahl der Variablen, die bei einem Bewertungsobjekt zu berücksich­ tigen sind, ist es dann nicht ohne weite­ res möglich, zu einem absoluten Urteil zu gelangen, wenn die Rangordnungen bei den verschiedenen Variablen differie­ ren . Ein absolutes Urteil ist in diesem Fall meist nur noch möglich, wenn es auf eine objektive, d.h. allgemein akzeptier­ te Gewichtung der Bedeutung der Varia­ blen gestützt werden kann, und das ist praktisch nie der Fall. Solche Schwierig­ keiten hindern aber gewisse selbster­ nannte preisrichterliche Instanzen nicht, dennoch zu absoluten Urteilen nicht nur hinsichtlich des "Besten" zu kommen, sondern auch dessen, wem der zweite, dritte Platz etc. gebührt. Ja, es wird die Frage als permanente Herausforderung verstanden und durch das mathemati­ sche Verfahren der Addition und Durch­ schnittsbildung über die verschiedenen Variablen das gewünschte Resultat er­ zeugt. Ein Beispiel dafür aus allerjüngster Zeit ist die Veröffentlichung der 5 plus 27 "Strukturindikatoren" durch die EU-Kom­ mission. Man kann über Sinn und Wert dieser durch EU-Ratsbeschlüsse zu be­ sonderer Dignität erhobenen Indikatoren kritischer Meinung sein - immerhin läßt sich jeder einzelne Indikator für irgendei­ nen sinnvollen Zweck argumentieren. Weder EcoFin-Rat noch EU-Kommissi­ on wollten auf diese Weise eine "Europa­ meisterschaft" veranstalten - daß sie dennoch gespielt wurde, war aber unver­ meidlich und auch vorhersehbar. l n Österreich war die Wochenzeitschrift FORMAT als erste am Ball , um eine ent­ sprechende Europarangl iste auf Basis der 27 Indikatoren aufzustellen, und man kann sicher sein, daß jede neue Indika­ torenveröffentlichung der EU-Kommissi­ on umgehend Meldungen auslösen wird, Land W habe sich um x Ränge verbes­ sert, während Land Y sich um z Ränge verschlechtert habe. Eine etwas andere Form der absolu­ ten Ranglisten sind diejenigen über die "besten Wirtschaftstandorte" bzw. über die "internationale Wettbewerbsfähig­ keit". Länder-Ranglisten Derartige Ranglisten werden regelmä­ ßig von Organisationen und Institutionen erstellt,3 die sich die Propagierung eines möglichst großen Maßes an wirtschaft- 2 1 9