28. Jahrgang (2002) , Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft Die besondere Brisanz des Themas für Österreich ergibt sich einerseits aus dem Regierungswechsel im Jahre 2000, andererseits aus dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1 995 und der Teilnahme an der Europäischen Währungsunion (EWU ) seit dem 1 . 1 . 1 999. Mit dem Regierungswechsel hat sich d ie Möglichkeit ergeben, die seit Jahren von führenden Politikern der neuen Regierungskoalition angema hnte Rückfü h­ rung der Staatstätigkeit und Konsolidierung der öffentlichen Haushalte6 zur Handlungsmacht zu verhelfen und als einzig denkbaren Weg in eine solide Zukunft regierungsamtlich zu vermarkten. 7 Dabei h ilft die im Stabil itäts- und Wachstumspakt (siehe Kasten 1 ) festgelegte restriktive Finanzpolitik, die den Teilnehmern der Euro-Zone unter Sanktionsandrohung abverlangt wird - schließlich kann man sich immer darauf berufen, dass ein Verstoß gegen die Politik des ,Nul l-Defizits' den I nteressen Österreichs auf EU-Ebene schade. Was auch immer bin nenwirtschaftlich argumentiert werden kan n , vor dem Hintergrund der Österreichischen Einbindung in d i e E(W)U ist dann n icht mehr al les denk- und diskutierbar. , Tying one's hands' heißt d iese Strategie, die n icht eben für eine große Ü berzeugungskraft der eigenen Argumente (aus Sicht der Nuii-Defizit-Befürworter) und die eigene finanz­ politische Standhaftigkeit spricht. Obwohl der SWP in seiner gegenwärtigen Form schwere U nzulänglich­ keiten aufweist - so wird nicht zwischen einzelstaatl ichen Entwicklungsun­ terschieden und realwirtschaftl ichen Konvergenzbed ingungen untersch ie­ den (s. I rland als Beispiel eines erfolgreichen Konvergenzprozesses), vor allem aber reflektiert der SWP nicht d ie Erfordernisse einer kooperativen Wirtschaftspolitik, wie sie für einen erfolgreichen Makrodialog im Rahmen des ,Kölner Prozesses' gestellt sind8 -, soll er doch hier als Referenz nationaler Fi nanzpolitik n icht infrage gestellt werden . Es geht also nicht darum, der Frage nachzugehen, ob der SWP eine für Österreich sin nvolle Haushaltspolitik reguliert, sondern vielmehr darum, die Konsequenzen einer Politik des , N ull-Defizits' nachzuspüren, d ie der SWP ebenso zu erfordern scheint wie d ie haushaltspolitischen Vorstellungen der gegen­ wärtigen Reg ierungskoalition. 2. Finanztheorie und öffentliches Defizit - eine Zusammenschau Zweifellos erwartet man von der Wirtschaftswissenschaft eine klare Antwort auf die Frage nach den ökonomischen Konsequenzen von , N ull­ Defiziten' als haushaltspolitische Richtl inien . Da es sich bei der Wirtschafts­ wissenschaft aber um eine multiparadigmatische Disziplin - ganz grob lässt sich zwischen einer marktoptimistischen neo-walrasianischen ,Allgemeinen G leichgewichtstheorie' und einer interventionsoptimistischen postkeyne­ sian ischen (Un-)Gieichgewichtstheorie unterscheiden - handelt, müssen diese Erwartungen enttäuscht werden. U nser Vorgehen muss deshalb zunächst einmal darin bestehen, die ,Null-Defizit-Hypothese' auf Grundlage der unterschiedl ichen Paradigmen zu untersuchen, und dan n , in ei nem zweiten Schritt, nach Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Beurteilung 293