28. Jahrgang (2002) , Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft impl iziert ist, andererseits die Maßnahmen entsprechende Erwartungs­ effekte (,Crowding in' privater Nachfrage) auslösen - neuere Forschungen im neo-walrasianischen Parad igma11 reklamieren, dass dies eher der Fall sein wird, wenn die Konsolidierung mittels (konsumtiven) Ausgabenkürzun­ gen als durch Steuererhöhungen erfolgt. 2.2 Öffentliche Haushaltspolitik im postkeynesianischen Paradigma I m Gegensatz zum neo-walrasianischen Paradigma geht das post­ keynesianische Paradigma nicht von der Existenz eines singulären Zustandes (das allgemeine Gleichgewicht) als langfristigem Referenzpunkt der Dynamik marktlieh koordinierter Ökonomien aus, sondern beschreibt multiple Gleich­ gewichtssituationen bei unterausgelasteten Ressourcen (s. Kasten 2) - wobei diese Ressourcenunterauslastung (insbesondere Arbeitslosigkeit) nicht als ,Marktversagen' interpretiert werden kann, sondern das Ergebnis der Kalküle rationaler Wirtschaftssubjekte ist. Finanzpolitische Eingriffe ergeben sich nun nicht nur in allokations- und stabil itätspolitischer, sondern auch in wachs­ tumspolitischer Hinsicht (Vollauslastung der Produktionsfaktoren). Wenn es aber gelingt, den Wachstumspfad der Volkswirtschaft insgesamt und dauerhaft zu verändern, entsteht Raum für Selbstfinanzierungseffekte der Finanzpolitik und eine Zurückweisung der ricardianischen Äquivalenz: Wenn eine defizitfinanzierte staatl iche Güterbereitstellung die volkswirtschaftliche Einkommensbildung und, daraus ableitbar, das Steueraufkommen dauerhaft erhöht, muss ein rationales Wirtschaftssubjekt keineswegs mit einer steigen­ den künftigen Besteuerung rechnen, für die er bereits heute sein Ausgabe­ verhalten einschränken müsste. Die Größenordnung des Selbstfinanzie­ rungseffektes öffentlicher Defizite hängt allerdings einerseits von der Art der öffentlichen Güterbereitstellung - investiv oder konsumtiv -, andererseits von den Reaktionen interdependenter Politikbereiche (der Lohn- und Geldpolitik) ab - die Erwartungseffekte des ricardianischen Äquivalenztheorems sind also im postkeynesianischen Paradigma nur dan n realistisch , wen n der realwirt­ schaftliche lmpakt als unzureichend empfunden wird, ein direktes ,Crowding out privater Nachfrage setzt Reaktionen der Lohn- und Geldpolitik voraus. Unter diesen Bedingungen wird die U nterscheidung zwischen strukturel­ lem und gesamtwirtschaftl ichem Defizit gewichtig (vgl . Kasten 3), ergibt sich doch letzteres lediglich als Residuum der gesamtwirtschaftlichen Entwickl ung, während das stru kturelle Defizit die eigentl iche Versch ul­ dungsbereitschaff der öffentlichen Hand ohne wachstumsbedingte Selbst­ finanzierungseffekte beschreibt. Zur Bestimmung eines optimalen öffentli­ chen Defizits reicht aber die Bedi ngung eines positiven Wachstums­ impu lses nicht aus, sondern bedarf es eines Nachhaltigkeitskriteriums der Haushaltspolitik, 1 3 denn die betrachtete finanzpolitische I ntervention hat ja nicht nur - wie bereits angesprochen - temporären, konjunkturpolitischen Charakter. Hierzu wollen wir erst im nächsten Abschnitt einige Ausfü hrun­ gen machen . 299