Wirtschaft und Gesellschaft 28. Jahrgang (2002), Heft 3 Kasten 4: Einige finanzarithmetische Zusammenhänge Evsey Domar (1 944) hat auf einige simple finanzarithmetische Grundzusammenhänge aufmerksam gemacht, die zur Konstruktion eines Nachhaltigkeitskriteriums noch ge­ braucht werden: ln einer wachsenden Volkswirtschaft ist nicht die Tatsache einer wachsenden nominellen Verschuldung von Bedeutung, sondern das Wachstum der Verschuldung in Relation zum Wachstum der Wirtschaft: Wir wollen annehmen, dass eine bestehende Verschuldung (D) ohne Tilgung fortbestehen bleiben soll. Solange die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes (g) größer oder gleich dem Zinssatz (i) der öffentlichen Verschuldung ist, verbleibt die Verschuldungsquote (D/Y) unverändert oder sinkt sogar, obwohl die nominelle Verschuldung beständig wächst: (1 ) D(D/Y) = i - g (1a) wenn i = g , dann D(D/Y) = 0 Man kann also sagen, dass Konsolidierungsbedarf nur besteht, sobald die nominelle Verzinsung der öffentlichen Schuld die nominelle Wachstumsrate des Bruttoinlands­ produktes überschreitet. Dieser Konsolidierungsbedarfwird erst richtig deutlich, wenn wir zwischen Neuverschuldung und ,Primärdefizit' unterscheiden . Die Neuverschul­ dung (S/Y), die mit einer stabilen Verschuldungsquote einhergeht, ergibt sich aus dem Produkt der BIP-Wachstumsrate und der zu stabilisierenden Verschuldungsquote: (2) S/Y = g(D/Y) Soll z.B. eine Schuldenquote von 60% bei einem BIP-Wachstum von nominell 5% stabilisiert werden, ist eine Defizitquote von 3 % möglich. Für die tatsächlichen Gestaltungsspielräume der Haushaltspolitik von größerer Aussagekraft ist allerdings die Primärdefizitquote (Sp/Y), die die Neuverschuldungsquote beschreibt, die nach Abzug der Zinszahlungen verbleibt: (3) Sp/Y = (i-g)(D/Y) (3a) Sp/Y = 0, wenn i = g Wenn also die Verzinsung der öffentlichen Schuld gerade der BIP-Wachstumsrate entspricht, muss der Primärhaushalt ausgeglichen sein. Wenn i größer sein sollte als g, muss gar ein Primärüberschuss erwirtschaftet werden. Wenn allerdings angenommen wird, das die Verzinsung der Staatsschuld dauerhaft über der BI P-Wachstumsrate liegt und ein Primärüberschuss nicht dauerhaft erzeugt werden kann, dann wächst, sobald wir ein positives BIP-Wachstum unterstellen, die Verschuldungsquote nicht etwa gegen Unendlich, sondern nähert sich einer Höchst­ grenze an, die sich durch das Verhältnis von i/g bestimmen lässt. Eine Haushaltskonsolidierung erfolgt, wenn D(D/Y) < 0. Dies bedeutet (4) (D1-D0) / (Y1-Y0) < 0 (4a) [(G1 - tY1) - (G0 - tY0)] / (Y1-Y0) < 0 (4b) [(iDo + CsT,1 + cl,1 - tY1 ) - (iD_1 + CsT,O + ci,O - tYo)] I (Y1-Yo) < 0 mit CsT.i = öffentlicher Konsum zum Zeitpunkt j; C1.i = öffentliche Investitionen zum Zeitpunktj ; tYi = Steuereinnahmen zum Zeitpunkt j. Die Konsolidierung kann also erfolgen, wenn (ceteris paribus, d.h. unter der Annah­ me der Unveränderlichkeit der anderen Parameter) a) eine Senkung des Zinssatzes i auf die öffentliche Staatsschuld eintritt, b) eine Erhöhung des Steuersatzes t zugelassen wird, c) eine Senkung des öffentlichen Konsums CsT erzielt wird, d) eine Senkung der öffentlichen Investitionen C1 vorgenommen wird. Von besonderer Bedeutung für die Wirksamkeit der Konsolidierung ist offensichtlich die Gültigkeit der Ceteris-Paribus-Annahme, denn sobald eine der vier dargelegten Maßnahmen Auswirkungen auf das Sozialprodukt Y hat, wird das Gesamtergebnis zweifelhaft (s. Kasten 3). 302