Wirtschaft und Gesellschaft 28 . Jahrgang (2002), Heft 3 schaft der Arbeitenden , einen ausreichend hohen Beitragssatz zu akzeptieren , der zu ihren Lasten geht, ist begrenzt. Der Überprüfung mithilfe dieser Formel muss je­ der seriöse Vorschlag zur Rentenreform standhalten. Auf diese Weise lässt sich er­ kennen, welche Vorschläge nicht aufrechterhaltbar sind und dem Reich der Renten­ Mythologie zuzuordnen sind. Zehn Mythen über die behauptete Überlegenheit des Kapitaldeckungsverfahrens gegenüber der sozialstaatliehen Altersvorsorge knüpft sich Barr vor und entkräftet theoretisch und empirisch jeden einzelnen (S. 96-1 26). Er kommt zum Schluss, dass Finanzierungsprobleme der öffentlichen Systeme nicht durch Privatisierung gelöst werden können. Sie erfordern vielmehr Anpassungen, zunächst bei L und w und danach bei N, und zuletzt bei P und s. Man sol lte dabei nicht übersehen, dass es eine weitere Möglichkeit gibt, die öffentlichen Pensionen zu finanzieren: durch Einschränkung der anderen aus Steuern und Beiträgen ali­ mentierten Ausgaben. Nach Barr qualifiziert sich hiefür insbesondere die öffentliche Verschuldung. Durch deren Abbau verringern sich d ie zukünftigen Zins- und Rück­ zahlungen. Allerdings sollen dabei jene Ausgaben ausgespart bleiben, die Produk­ tivität und Wachstum fördern, z.B. Bildung, Forschung und Öffnung für das Neue und Andere, Aufgabenbereiche, die kaum über Lobbys verfügen und die deshalb in den Köpfen der Akteure, deren "mind set", verankert sein müssten. Österreich treibt nach diesen Überlegungen zur Zeit in die falsche Richtung: Die Zahl der Arbeitenden ist zu gering, die Zahl der Pensionisten steigt zu rasch, und "der Produktivitätsvorsprung (wird) verspielt". 1 Das Österreichische System ist auf Dauer unhaltbar, es gehört angepasst, die Wirtschaft dynamisiert und nicht, wie begonnen von Rot-Schwarz und intensiviert durch Schwarz-Blau, privatisiert. 3. Technischer Fortschritt und Marktversorgung Eine der größten Vorzüge von zinsgesteuerten Marktwirtschaften besteht zweifel­ los in deren Zwang zu technischen und organisatorischen Fortschritten. Tritt ein sol­ ches Verfahren, etwa der Motor oder die Fabriksorganisation einmal auf, dann ver­ breitet es sich wie eine ansteckende Krankheit. Deshalb kommt, paradoxerweise, die private Versicherungswirtschaft mit technischem Fortschritt bisweilen schlecht zurecht. Denn sie basiert auf unabhängigen Eintrittswahrscheinlichkeiten von Scha­ densfällen: Infektiöse Risiken kann sie nicht abdecken. Das gilt für AIDS wie für BSE und ebenso für den Fall eines bahnbrechenden, etwa gentechnischen Fortschritts, der die Lebenserwartung der Menschen deutlich verlängert. Eine andere Bedrohung der marktwirtschaftliehen Vorsorge ist bereits heute wirk­ sam. Die Methode der elektronischen Analyse der Gene ("genetic screening") er­ möglicht es, den Eintritt von Erbkrankheiten genau vorherzusagen, die Eintrittswahr­ scheinlichkeit bewegt sich jedenfalls gegen eins. Versicherung als marktmäßige Vorsorge für den Fall des unsicheren Eintritts eines Schadens ist bei sicherem Ein­ tritt nicht mehr möglich. Dieser Fortschritt bedeutet also, dass Menschen sich dank "genetic screening", zum Beispiel als Diabetiker diagnostiziert, ihr Leben vorsorg­ lich einrichten können. Nicht aber können sie sich, etwa zur Aufbesserung ihrer pri­ vaten Mittel, privat versichern - sie werden von der Versicherung ausgeschlossen. Schon 1 97 4 hat Kenneth Arrow, der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaf­ ten 1 971 , bezogen auf Probleme d ieser Art, von dem "Informations-Dilemma" ge­ sprochen: "Das Dilemma ist hartnäckig. Verbesserte Prognostik ist gut für den Pa­ tienten oder potenziellen Patienten . . . Doch in dem System der Krankenversiche­ rung kann das den Patienten teuer zu stehen kommen, in Form von zu hohen Prä­ mien, Versicherungsprämien, dem Ausschluss von Versicherung und der Unmög- 436