Wirtschaft und Gesellschaft 28 . Jahrgang (2002), Heft 3 gen bei diesen existenziellen sozialpolitischen Aufgaben würde es diese auch dann noch geben, wenn alle Menschen der gut verdienenden Mittelschicht ange­ hörten (S. 264). Es kommt deshalb darauf an, die Sozialausgaben problem­ adäquat festzulegen, nicht aber sie zu minimieren. ? Organisation (,,structure'J sollte nicht mit Umfang (,,size'J verwechselt werden. Was ist die beste Organisationsform für die Erfüllung einer sozialpolitischen Auf­ gabe? Welche sollen öffentlich finanziert, produziert, oder beides, und welche sollen überwiegend oder ganz privat erbracht werden? Der Markt ist dort überle­ gen, wo seine Funktionsbedingungen erfüllt sind . Bei Vorl iegen von Marktversa­ gen kann öffentliche Intervention ihm zu besseren Ergebnissen verhelfen als ohne diese. Davon zu unterscheiden ist die Festlegung des Umfanges einer Ak­ tivität und der damit zusammenhängende Ressourcenbedarf. Welcher Umfang ist jeweils dem Problem angemessen? Dies ist unter dem Gesichtspunkt der nach­ haltigen Finanzierbarkeit zu bestimmen. ? Interne Probleme erfordern nicht die Abschaffung des Wohlfahrtsstaates. Mit steigendem Einkommen verändert sich die Nachfrage nach öffentlichen Leistun­ gen. Mietbeihilfen, Sparförderung und dergleichen werden entbehrl ich. Die poli­ tische Unterstützung wird schwächer. Von der Angebotsseite werden insbeson­ dere die personengebundenen Betreuungsleistungen teurer. Daraus sollte aller­ dings nicht die Forderung nach Beseitigung des Wohlfahrtsstaats, sondern die Konzentration auf seine "Kernaufgaben" abgeleitet werden (S. 266). ? Globaler Problemdruck sollte nicht überschätzt werden. Die "Giobalisierung" führe nach Ansicht mancher Vertreter der Idee des Standortwettbewerbes zu ei­ nem "Wettbewerb nach unten"; Standortsicherung erfordere niedrigere Löhne und Sozialausgaben. Dieses Argument ist gewichtig. Entgegenzuhalten ist, dass Sozialausgaben auch produktivitätsfördernd sind und dass die Welt nicht zur Gänze "globalisiert" ist. (Die Zunahme der Einkommensungleichheit in den USA lässt sich nur zu einem Fünftel durch globalen Wettbewerbsdruck erklären (S.267). ) Karge Kranken- und Altersvorsorge führten dazu, dass Firmen ein­ springen. Hohe Steuern werden durch hohe Personalausgaben ersetzt. " . . . Pla­ fondierung öffentlicher Ausgaben könnte durch den Kopf einer Hydra multipler privater Programme mit unbegrenzten Steuerkonzessionen ersetzt werden, die Finanzierung des Gesundheitssystems in den USA ist dafür ein treffendes Bei­ spiel." (S. 268) Es gibt auch andere Beispiele, die zeigen, dass Regierungen in den OECD-Ländern durchaus fähig sind, den Wohlfahrtsstaat anzupassen und dabei zwischen Organisation und Umfang zu unterscheiden imstande sind. Dar­ über hinaus ist zu berücksichtigen, dass aufholende, "neue lndustrieländer" mit den gleichen Problemen konfrontiert werden, wie es die vorauseilenden sind. Sie sehen sich ebenfalls zurwohlfahrtsstaatliehen Intervention genötigt. So entsteht ein "Wettbewerb nach oben", aus dem eher eine Tendenz zu wohlfahrtsstaatli­ cher Konvergenz als eine Rückkehr ins 1 9.Jahrhundert zu erwarten sei. Nicholas Barr kommt deshalb zu dem bereits einleitend zitierten Schluss, der es wert ist, wiederholt zu werden: "Der Wohlfahrtsstaatwird bestehen bleiben, und das aus einem einfachen Grund: Die theoretischen Argumente, d ie seine Existenz erklären, bleiben gültig." Und er setzt fort: "Der Wandel, der sich im 21 . Jahrhundert anbahnt, wird die Gültigkeit des theoretischen Argumentes nicht entkräften." (S. 270) Der Rezensent freut sich an dieser Stelle besonders. Er hat in dem Essay "Hat die Sozialdemokratie eine Zukunft?", der 1 980 erschienen ist, das gleiche Argument vorgebracht. Es gründet unter anderem auf risiko- und unsicherheitstheoretischen 4 3 8