28. Jahrgang (2002) , Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft Arbeiten,2 die in dem Buch "Der Wohlfahrtsstaat von morgen. Entwurf eines zeit­ gemäßen Musters staatlicher Interventionen" zusammengefasst wurden. Die Ana­ lysen und Vorschläge dieses Buches, die aus Forschungsaufträgen des Bundesmi­ nisteriums für Finanzen hervorgegangen sind, waren seinerzeit durchaus als Anstoß und Perspektive österreichischer Gesellschaftsreform gedacht. Sie sind bekanntlich praktisch und theoretisch unbeachtet geblieben. Zwanzig Jahre später, in einer Nachfolgestudie des BM zum Thema "Der Staat und seine Funktionen: Neue For­ men der Erfüllung öffentlicher Aufgaben" werden die Vorgängerstudien nicht einmal erwähnt. Die Kerngedanken des Wohlfahrtstaates von morgen aus 1 982 erfahren nun mit Barrs Buch eine späte Rechtfertigung. Wollte man den ,,Wohlfahrtsstaat von morgen" heute neu schreiben, dann wäre das Buch von Nicholas Barr aus 2001 die ideale Realisierung einer solchen Absicht. 6. Ist Optimismus noch berechtigt? Auch ein Buch wie jenes von Nicholas Barr, das auf der Klarheit des auf Wissen und common sense gründenden Gedankens ruht, lässt Fragen offen. So fragt sich der die aktuelle Diskussion um Probleme des Wohlfahrtsstaates verfolgende Zeitgenosse, warum in dem gelobten Buch das garantierte Grundeinkommen nichtvorkommt Er ver­ mutet, dass jemand, der Vorschläge kreislaufanalytisch testet und deshalb auf Wachs­ tum von Produktivität, Produktion und Beschäftigung setzt, sich mit Bürgerlohn usw. schwerer tut als freie Geister, die Keynes'sche Ökonomie für überholt halten. Barr verblüfft auch durch seinen großen Optimismus. Es scheint, als ob für ihn sich das bessere Argument automatisch durchsetzt. Denn es gibt für Barr weder Gefangenen-Dilemma mit Negativsummen-Spielen noch Teufelskreise wie Gunnar Myrdals zirkulare Verursachung mit negativen kumulativen Effekten. Politische Trä­ ger des Wohlfahrtsstaates kommen in seinen Analysen ebenso wenig vor wie Ver­ änderungen politischer Großwetterlagen vom bipolaren Systemwettbewerb zur mo­ nopolaren Weltordnung des " Washington Consensus". Politischer Optimismus wäre berechtigt, wenn die traditionellen Verfechter des Wohlfahrtsstaates die von Barr angebotenen Ideen aufgriffen und zunächst von der politischen Kapitulation zur in­ tellektuellen Defensive und möglichst bald zur politischen Offensive übergingen. Anmerkungen 1 Marterbauer (2001 ). 2 Schönbäck ( 1 982). Literatur Egon Matzner Bundesministerium für Finanzen (Hrsg.), Der Staat und seine Funktionen. Neue Formen der Erfüllung öffentlicher Aufgaben (Wien 1 998). Chaloupek, G . ; Rossmann, B. (Hrsg.), Die Zukunft des Wohlfahrtsstaates (=Reihe Wirt­ schaftswissenschaftliche Tagungen der AK Wien, Band 2, Wien 1 996). Marterbauer, M., Verlust des Wachstumsvorsprunges, in: Wirtschaft und Gesellschaft 27/4 (2001 ). Matzner, E . , Hat die Sozialdemokratie eine Zukunft?, in: Fischer, H. (Hrsg.), Rote Makierungen (Wien 1 980). Matzner, E . , Der Wohlfahrtsstaat von morgen. Entwurf eines Musters zeitgemäßer Interven­ tionen (Wien, Frankfurt am Main 1 982). Schönbäck, W., Subjektives Risiko als Gegenstand staatlicher Intervention (Frankfurt am Main 1 982). 4 3 9