Wirtschaft und Gesellschaft Neue Entwicklungen in der soziologischen Theorie Rezension von: Andreas Balog, Neue Entwicklungen in der soziologischen Theorie. Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis der Grundprobleme, Lucius & Lucius, Stuttgart 200 1 , 386 Seiten, € 20,50. Dieses Buch diskutiert in dreizehn Ka­ piteln unterschiedliche Ansätze soziolo­ gischer Theorien. Der Bogen ist breit ge­ spannt. Er beginnt - anders als der Titel vielleicht nahe legen könnte- bei den hi­ storischen Anfängen, geht auf deren Dif­ ferenzierungen in unterschiedliche Para­ digmen ein und behandelt daran an­ schließend auch neuere theoretische Konzepte aus der britischen und US­ amerikanischen Soziologie, die im deut­ schen Sprachraum bislang nur wenig Aufmerksamkeit finden. Schon dadurch hebt sich die Arbeit von Andreas Balog wohltuend von den in Österreich und Deutschland gängigen Überblicksdarstel­ lungen zur soziologischen Theorie ab. Das Buch bietet aber mehr als nur Zugänge zu einigen hierorts weitgehend unbekannten Theorie-Konzepten. Die unterschiedlichen Konzepte werden auch systematisch unter zwei Gesichts­ punkten diskutiert, die der Autor in der Absicht an diese heranträgt, ordnende Maßstäbe gegenüber dem scheinbaren Chaos von heterogenen theoretischen Ansätzen in der Soziologie anzubieten. Der erste Gesichtspunkt bezieht sich auf d ie Geschichte der soziologischen Theorie, der zweite auf mögliche An­ sprüche darauf, was soziologische Theorien zu leisten hätten. Im Folgenden konzentriere ich mich darauf, Balogs Buch gemäß d iesen beiden Gesichts­ punkten zu erschließen. 454 28. Jahrgang (2002) , Heft 3 Erstens unternimmt Balog den Ver­ such, eine immanente Entwicklungslogik für den historischen Prozess der sozio­ logischen Theoriebildung zu rekonstru­ ieren und auf diesem Weg einen neuar­ tigen Einbl ick in die Geschichte des theoretischen Denkans in der Soziologie zu vermitteln. Ausgangspunkt bilden die klassischen Konzepte von Emile Durkheim und Max Weber. Dabei begründet Weber be­ kanntlich die soziologische Tradition, Kollektivphänomene und Wirkungen von sozialen Institutionen auf der Grundlage einer Rekonstruktion von sozialen Hand­ lungen zu identifizieren. Während Durk­ heim umgekehrt für die Tradition steht, Handlungen in erster Linie unter dem Aspekt in Blick zu nehmen , insofern sich in ihnen kollektive Prozesse der so­ zialen Integration und der Arbeitstei lung realisieren. Es folgt die Darstellung des Versuchs von Talcott Parsons, diese beiden Theo­ rie-Traditionen in eine Synthese zusam­ menzuführen, indem auf der einen Sei­ te ein umfassender Bezugsrahmen von Grundbegriffen zur Erklärung von Hand­ lungen entwickelt wird. Andererseits ist allerdings das systematische Theorie­ Konzept von Parsans zugleich darauf gerichtet, d ie ursprüngliche soziologi­ sche Frage nach der Mögl ichkeit von sozialer Ordnung und nach der normati­ ven Integration von Gesellschaften zu beantworten. ln weiteren Kapiteln behandelt Balog Ansätze, die sich kritisch an der Grund­ idee von Parsans reiben, soziale Syste­ me seien in ihrem Bestand und ihrer Entwicklung in erster Linie normativ be­ stimmt. Diskutiert werden Herbart Blu­ mer und Harold Garfinkel als Vertreter des Interaktionismus und der Ethnome­ thodologie, Randall Collins für den kon­ flikttheoretischen Ansatz, die Rationai­ Choice-Theorien und die "Praxeologie" von Pierre Bourdieu. Gemeinsam haben diese Theorien, so Balog, dass sie an Stelle der normativen Orientierungen,