28. Jahrgang (2002) , Heft 3 die für Parsans den zentralen Mecha­ nismus für soziale Ordnung bilden, an­ dere soziale Mechanismen betonen, die für die Prozesse der gesellschaftlichen Reproduktion bestimmend seien. ln den daran anschließenden Ab­ schnitten werden nun Theorien vorge­ stellt, an denen eine neue Entwicklung im soziologischen Theoretisieren sieht­ barwerden soll: Anthony Giddens, Mar­ garet Archer, Jeffrey Alexander und an­ dere Vertreter des Neofunktionalismus, Jon Elster, Sheldon Stryker, Tom Burns und Helena Flam, sowie Nicos Mouzelis. Diese Soziologinnen und Soziologen versuchen einerseits - analog zu Par­ sons -, ihr theoretisches Denken auf der Grundlage von begriffl ichen Be­ zugsrahmen für d ie Beschreibung und Erklärung von sozialen Phänomenen zu entfalten. Andererseits, so Balog, haben sie sich davon gelöst, mit ihren begriffli­ chen Konzepten zugleich auch die Fra­ ge nach der Möglichkeit von sozialer Ordnung beantworten zu wollen. Darin zeige sich ein Hinweis für eine allgemei­ ne Tendenz in der Entwicklung von so­ ziologischer Theorie: Nicht nur der nor­ mative Determinismus des Funktionalis­ mus in der Tradition von Parsons, son­ dern auch andere Formen von sozialen Determinismen würden im theoreti­ schen Denken der Soziologie zuneh­ mend an Bedeutung verlieren. Um diesen ersten Gesichtspunkt des Buches, jenen der Entwicklung soziolo­ gischer Theorie, zusammenzufassen: Balog gelingt es durch die Auswahl der Theorien, die er behandelt, und durch die Fragestellungen, die er bei der Dis­ kussion jedes Ansatzes an diesen her­ anträgt, eine neue Sichtweise auf einen sinnhaften Zusammenhang in der histo­ rischen Entwicklung des soziologischen Denkens herzustellen. Er geht davon aus (S. 1 2ff. ), dass Theorien grundsätzlich vor der Aufgabe stehen, ( 1 ) begriffliche Mittel zur Be­ schreibung von sozialen Phänomenen und Sachverhalten bereitzustellen, (2) Wirtschaft und Gesellschaft soziologische Erklärungen dieser Phä­ nomene und Sachverhalte leisten wollen und (3) in irgendeiner Form eine Ant­ wort auf die Frage nach der sozialen Ordnung zu geben versuchen. Diese drei Aspekte bilden den einheitlichen Raster, in dem Balog die einzelnen An­ sätze darstellt, und zugleich den Maß­ stab, an dem er sie kritisch kommentiert. Das Ergebnis seiner Sichtung im Schlusskapitel des Buches ergibt, dass nach der anfänglichen Begründung von zwei unterschiedlichen Denktraditionen mit Durkheim und Weber es mit Par­ sons insofern zu einer Verengung des Denkens gekommen sei, als d ieser die Aufgabe der begrifflichen Konzeptuali­ sierung von sozialen Phänomenen und deren Erklärung (Aufgabe 1 und 2) dem Versuch unterordnete, d ie Frage nach der sozialen Integration (Aufgabe 3) zu beantworten. Erst in der Nachfolge von Parsans und in kritischer Abgrenzung zu ihm sei es schrittweise zu einer Ent­ flechtung zwischen dem Entwurf von de­ skriptiven und analytischen Begrifflich­ keiten auf der einen Seite und von An­ nahmen kausaler und funktionaler Art über die Form der gesellschaftlichen In­ tegration auf der anderen Seite gekom­ men. Balog sieht in dieser neuen Ent­ wicklung einen Fortschritt. Die verschie­ denen Ansätze seien in einem hohen Maß miteinander vergleichbar, könnten sich wechselseitig in produktiver Weise befruchten, weil sie nicht mehr durch theoretische oder weltanschauliche Grundannahmen voneinander getrennt sind. Zweitens bietet das Buch neben der These zur historischen Entwicklungslo­ gik von Theorien noch einen weiteren Gesichtpunkt zur Strukturierung der un­ übersichtlichen soziologischen Theorie­ Landschaft. Für Balog gibt es eine still­ schweigende, aber gewissermaßen sachlogisch begründete Übereinkunft in der Soziologie darüber, dass der Ge­ genstandsbereich nur zu erfassen ist, wenn soziale Phänomene und Sachver- 455