Wirtschaft und Gesellschaft halte als Handlungszusammenhänge analysiert werden. Das bedeutet einer­ seits, dass jede soziologische Erklärung auf d ie Intentionen und Motive der Ak­ teure Bezug nehmen muss. Für Balog ist es in d iesem Zusammenhang unzuläs­ sig, nur bestimmte Motive - etwa jenes der Nutzenorientierung oder bestimmte moralische Überzeugungen - gelten zu lassen. Wird die Plural ität von mögli­ chen Motiven beschränkt, dann entste­ hen notwendig Determinismen in ir­ gendeiner Form. Andererseits sind aus einer soziologischen Perspektive die subjektiv-intentionalen Aspekte des Handeins aber auch in ihren objektiven Kontexten zu erfassen. Jedes Handeln vollzieht sich unter Voraussetzungen, die den Handelnden nicht verfügbar sind, weil bestimmte Ressourcen nicht zugänglich sind, bestimmte Ziele nicht denkbar erscheinen und bestimmte Er­ gebnisse unerreichbar bleiben. ln die­ sem Sinn stellen sich für Balog soziale Phänomene als Handlungszusammen­ hänge dar, in denen sich Bedingungen der Verfügbarkeit und Bedingungen der Nicht-Verfügbarkeit vereinen. Theorien, die diese Phänomene zu beschreiben und zu erklären suchen, müssen die subjektiven und objektiven Aspekte des Handeins berücksichtigen, also Hand­ lungsprozesse aus der Innenperspektive von Akteurinnen ebenso wie aus der Außenperspektive, das heißt den struk­ turellen Kontexten, d ie hinter dem Rük­ ken der Agierenden wirken, analysie­ ren. Wenn wir nun mit Balog diesen theore­ tischen Anspruch an die soziologischen Theorieansätze herantragen, dann zeigt sich auch hier eine allgemeine Tendenz: Neuere Ansätze würden in der einen oder anderen Form die Bedeutung aner­ kennen, auch die subjektiven Handlungs­ perspektiven der Akteure als konstitutiv für die Hervorbringung von sozialen Phä­ nomenen zu reflektieren. Diese Schlussfolgerung des Autors gewinnt ihre Evidenz allerdings nur auf 456 28. Jahrgang (2002), Heft 3 der Grundlage der vorweg vorgenomme­ nen Auswahl von theoretischen Ansät­ zen. Die in der deutschsprachigen So­ ziologie dominante Systemtheorie Niklas Luhmanns wird etwa der Anforderung, soziale Phänomene als Handlungszu­ sammenhänge zu konzeptualisieren, n icht gerecht, weil sie Handlungen nur unter dem Aspekt von Kommunikation Beachtung schenkt (vgl . 345ff). Offen­ sichtlich ist das der Grund, warum die Systemtheorie nicht in einem eigenen Abschnitt, sondern nur im Schlusskapi­ tel mit einem kritischen Kommentar be­ handelt wird. Die Lesenden können für sich beurteilen, ob das gegen die These des Autors spricht oder ob - in Aner­ kennung dieser These - zu Recht auf die systematische Darstellung des Sy­ stems von Luhmann verzichtet wurde. Für Sozialwissenschaftlerlnnen, die sich für soziologische Theorien unter dem Gesichtpunkt interessieren, inwie­ weit diese hilfreich sind, empirische Fra­ gestellungen zu beantworten , bietet die Perspektive von Balog jedenfalls eine sinnvolle Struktur an. ln der praktischen Forschung sind vor allem jene Theorie­ konzepte fruchtbar, die den Handlungs­ perspektiven von Akteuren einen rele­ vanten Stellenwert für das Zustandekom­ men von sozialer Realität einräumen. Das bedeutet noch nicht, in der Beurtei­ lung jedes einzelnen theoretischen An­ satzes mit der Einschätzung des Autors übereinstimmen zu müssen, wie und ob der jeweilige Ansatz in ausreichendem Maß die Intentionalität der Handelnden reflektiert. Was für den praktischen Zugang zu Balogs Buch wichtig ist: Jeder Abschnitt, der einen oder mehrere eng verwandte theoretische Konzepte behandelt, kann gut für sich gelesen werden. Es ist aber empfehlenswert, das abschließende Ka­ pitel des Buches (S. 337ff.) vor dem Studium der einzelnen theoretischen Ansätze zu lesen, weil dann die theore­ tische und strukturierende Perspektive des Autors gegenüber diesen Ansätzen