28. Jahrgang (2002), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft Die Institutionen der Lohnregulierung: Funktion und Wandel im internationalen Vergleich Franz Traxler 1. Die Institutionenanalyse und das Problem der Lohnregulierung Im Zentrum der Institutionenanalyse stehen zwei Fragestellungen. Die eine bezieht sich auf die Entstehung und den Wandel von Institutionen sowie auf die diesen Prozessen zugrunde liegenden Bestimmungs­ faktoren; die zweite auf die Funktionen bzw. Steuerungseffekte von Institutionen. l n der einschlägigen Debatte wird die Behandlung dieser beiden Themen nicht selten miteinander verschränkt-vorzugsweise in der Form, dass von den Funktionserfordernissen bzw. Steuerungseffekten der Institutionen Schlüsse auf deren Entstehung und Veränderungen gezogen werden. Wie im Weiteren noch auszuführen sein wird, beruhen derlei Schlussfolgerungen allerdings auf spezifischen Prämissen zum Zusam­ menhang zwischen Funktion und Wandel von Institutionen, die keineswegs als evident gelten können. Deshalb empfiehlt es sich, beide Themenkreise getrennt zu diskutieren. ln methodischer Hinsicht soll hier der internationale Vergleich als Grundlage für diese Diskussion herangezogen werden. Er bietet sich insbesondere für die empirische Institutionenanalyse an, da er den Blick auf eine größere Vielfalt in den institutionellen Arrangements eröffnet, als dies für Fallstudien zu den Verhältnissen eines bestimmten Landes möglich ist. Die international vergleichende Debatte zu Entwicklung und Wandel von Institutionen beherrschen zwei konkurrierende Hypothesen. Zum einen wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung der nationalen Gesell­ schaften einem unabweisbaren Trend in Richtung institutioneller Konver­ genz unterworfen ist. Im Gegensatz dazu steht die Annahme der Pfadab­ hSngigkeit, derzufolge sich Gesellschaften nur innerhalb ihrer je spezifi­ schen "Entwicklungskorridore" verändern, die durch die Eigentümlichkeiten ihrer Institutionen jeweils gesetzt werden. Dies impliziert, dass die institutio­ nelle Vielfalt und Unterschiedlichkeit im Ländervergleich ungeachtet fort­ gesetzter Anpassungsprozesse bestehen bleibt. 471