28. Jahrgang (2002), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft Systeme ebenso wenig wie zentralisierte Systeme negative Folgeeffekte ihrer LohnabschiOsse auf Dritte Oberwälzen. Dagegen sind Systeme mitt­ lerer Zentralisation zu einer solchen Externalisierung durchaus befähigt. Dies liegt daran, dass es sich bei ihnen de facto um Branchenkartelle handelt: Die einheitlich fOr eine Branche beschlossene Lohnerhöhung kann auf deren Produktpreise Obergewälzt werden, ohne dass damit Änderun­ gen in der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Firmen in dieser Branche verbunden wären. Infolgedessen sind mittlere Systeme weniger angehal­ ten, in ihrer Lohnpolitik auf gesamtwirtschaftliche Erfordernisse Bedacht zu nehmen. Calmfors und Driffill19 relativieren ihre These allerdings im Hinblick auf die Intensivierung des internationalen Wettbewerbs. Im Maße dieses Prozesses verlieren die nationalen Branchenkartelle ihre Lohn- und Preis­ setzungsmacht, sodass sich dadurch die Leistungsunterschiede unter­ schiedlicher tariflicher Zentralisation immer mehr verfiOchtigen sollten. Die beiden Positionen divergieren nicht nur in ihren Annahmen zu den Leistungseffekten alternativer Lohnregelungssysteme, sondern auch in ih­ ren lmplikationen hinsichtlich der durch die Internationalisierung der Lohn­ regelung gesetzten Anpassungszwänge. Denn die Korporalismusthese impliziert einen "single best way" der Lohnregelung. Unter den verschärften Zwängen internationalen Wettbewerbs sollten die Vorzage der Zentralisa­ tion im Zeitablauf immer stärker in den Vordergrund treten. Hingegen gibt es aus Sicht der Hump-Shape-These funktional äquivalente Lösungen, wobei die fortschreitende Internationalisierung das Spektrum dieser Lösun­ gen bis hin zur völligen Beliebigkeil ausweitet. Die empirischen Befunde zur Korporalismusthese und zur Hump-Shape­ These sind kontroversiell. Seide Positionen können auf Studien verweisen, die sie jeweils stOtzen. Es erübrigt sich hier eine Diskussion der Ursachen fOr diese Divergenz, da nahezu allen dieser Studien ein konzeptioneller Mangel gemeinsam ist: Sie schätzen im Rahmen ihrer ökonometrischen Analysen direkt den Einfluss der tariflichen Zentralisation auf makroökono­ mische Leistungsindikatoren wie Beschäftigung, Inflation und Wirtschafts­ wachstum. Damit ignorieren sie das zentrale Bindeglied in der von beiden Positionen unterstellten Kausalkette: dass Unterschiede in der tariflichen Zentralisation zu divergierenden LohnabschlOssen und Lohnzuwachsen fOhren, die ihrerseits ihren Niederschlag in Unterschieden im makroökono­ mischen Leistungsprofil (Beschäftigung etc.) finden. Daraus folgt, dass zunächst die Lohnkosteneffekte der tariflichen Zentralisation zu OberprOfan sind, ehe man sich anderen Leistungsindikatoren zuwendet.2° Die folgende Analyse beschränkt sich auf die Lohneffekte der Lohn­ regelung, wobei die nominellen Zuwachsraten der Lohnkosten (LCN) und der LohnstOckkosten (LCU) betrachtet werden. Es ist davon auszugehen, dass nicht nur das Lohnregelungssystem die Lohnkostenentwicklung beeinflusst. Vor allem sollten sich eine restriktive Geldpolitik (MR), hohe Arbeitslosigkeit (UE), hohe Außenhandelsverflech­ tung (OPEN) und ein geringes Wirtschaftswachstum (GDP) dämpfend auf die Lohnentwicklung auswirken. Diese Faktoren gehen als Kontrollvariable 481