28. Jahrgang (2002), Heft 4 Die Habsburgermonarchie im ,langen 18. Jahrhundert' Rezension von: Karl Vocelka, Österreichische Geschichte 1699- 18 15 . Glanz und Untergang der höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im habsburgischen Vielvölkerstaat, Ueberreuter, Wien 2001 , 542 Seiten, € 5 1 ,90. ln dervon Herwig Wolfram herausge­ gebenen, zwölf Bände umfassenden "Österreichischen Geschichte" des Ver­ lags Carl Ueberreuter ist nun auch der ursprünglich für den Herbst 1997 ange­ kündigte Band überdas ,lange 18. Jahr­ hundert' erschienen. Zunächst war Gre­ te Klingenstein als Autorin vorgesehen. Karl Vocelka, Professor für Österreichi­ sche Geschichte an der Universität Wien und ebendort Vorstand des Insti­ tuts für Geschichte, übernahm - wie er im Vorwort feststellt, "sehr rasch und un­ vorhergesehen" - im Jahr 1998 diese Verpflichtung. Vor der Leistung, inner­ halb von nur drei Jahren ein derartiges Übersichtswerk zu verfassen, kann man nur den Hut ziehen! Die gewählte Periodisierung lässt sich vor allem mit Argumenten bezüglich der politischen Geschichte begründen. 1 699/1 700 bildete in zweifacher Hin­ sicht eine Zäsur: Der Friede von Karlowitz 1699 been­ dete fast zwei Jahrzehnte kriegerischer Auseinandersetzung mit dem Osmani­ schen Reich. Mit der Abwehr der Zwei­ ten Wiener Türkenbelagerung hatte das Habsburgerreich die Defensive verlas­ sen und war im östlichen Mitteleuropa und auf dem Balkan als expansive Macht aufgetreten. Der genannte Frie­ densschluss beendete die Dreiteilung Ungarns, die 150 Jahre lang gewährt hatte, und erweiterte das habsburgische Wirtschaft und Gesellschaft Territorium um den bis dahin osmani­ schen Zentralteil Ungarns und um Sie­ benbürgen. Mit dem Tod Karls I I . 1 700 endete die spanische Linie der Habsburger und veränderte sich die europäische Mäch­ tekonstellation erheblich. Die Auseinan­ dersetzungen um die spanische Erbfol­ ge begannen. Der Spanische Erbfolge­ krieg wurde um die Vorherrschaft bzw. die Erhaltung des Kräftegleichgewichts in Europa geführt und bildete, da er auf wichtige Kolonialbesitze ausstrahlte, den ersten weltweiten militärischen Konflikt. Der Wiener Kongress 1814/1 5 stand am Ende der Napoleonischen Kriege, leitete eine lange Periode des Friedens in Europa ein und bewirkte eine politi­ sche Neuordnung des Kontinents. ln den Napoleonischen Kriegen hatte sich die militärische, politische und ökonomi­ sche Stärke der Monarchie erwiesen. Sie hatte die Hauptlast an den zahlrei­ chen Versuchen, die französische He­ gemonie über Europa abzuwenden, ge­ tragen und triumphierte zuletzt. Diese mit hohen Opfern erkauften Erfolge versetzten Österreich in die Lage, in der Gestaltung der Nachkriegsordnung eine führende Rolle zu spielen. Der Verzicht auf die südlichen Niederlande (Belgien) und Vorderösterreich sowie die Zuge­ winne in Norditalien und Dalmatien hat­ ten ein kompakteres, strategisch günsti­ geres Territorium zur Folge. Die solcher­ art gewonnene Sicherheit vor mil itäri­ scher Bedrohung von außen führte al­ lerdings dazu, dass die habsburgischen Monarchen sowie ihre Berater und lei­ tenden Beamten zu der Ansicht verleitet wurden, Herrschaft ohne Konsens mit den Eliten sei möglich und Reformen unnötig, ja gefährlich. Das restaurative Metternich'sche System und der politi­ sche Stillstand, der damit einherging, waren die Folgen. Das ,lange 18. Jahrhundert' war aller­ dings keine einheitliche Periode. Politi­ sche, wirtschaftliche und kulturelle Ent­ wicklungen legen eine Dreiteilung nahe: 605