28. Jahrgang (2002) , Sonderheft Wirtschaft und Gese llschaft Wahlbeteiligung und Mitglieder- befragung Herbert Wabnegg 1. Die Krise als Herausforderung Die Kammern für Arbeiter und Angestellte galten jahrzehntelang als eine der Säulen der Österreichischen Sozialpartnerschaft Wie Säulen an einem historischen Gebäude wurden sie auch wahrgenommen: natürlich musste es sie geben, natürlich bewegten sie sich nicht, und natürlich interessierte sich kaum jemand für sie. Ende der achtziger Jahre änderte sich das: die Sozialpartnerschaft war nicht mehr das einzige für Österreich vorstellbare Modell gesellschaftlicher Konfliktaustragung. Etablierte Institutionen wurden in Frage gestellt. Die bis dahin von zwei Großparteien dominierte Parteien- landschaft änderte sich radikal. Traditionelle politische Lager lösten sich auf. Das in den Medien gezeichnete Bild einer Organisation entschied über Erfolg und Misserfolg. Die Kammern - nicht nur die Arbeiterkammern - gerieten unter Beschuss. Die gesetzliche Zugehörigkeit wurde zur "Zwangsmitglied- schaft" umetikettiert. 1990 kam es zu einer vehementen öffentlichen Dis- kussion über die Bezüge einiger AK-Spitzenfunktionäre - der Name des damaligen steirischen AK-Präsidenten Rechberger wurde zu einem Syno- nym für Missbrauch von öffentlichen Funktionen. Die Kammern versuchten darauf mit inneren Reformen zu reagieren, sie bemühten sich um modernes Management, stellten Wirtschaftlichkeitsanalysen an, leiteten Organisations- entwicklungsprojekte ein. Aber in den Medien wurden die Arbeiterkammern weiterhin als toter Hund gehandelt. Kurz vor den Parlamentswahlen 1994 fanden AK-Wahlen statt. ln einer Fernsehdiskussion der Spitzenkandidaten brachte Jörg Haider, damals noch aufstrebender Populist, Bundeskanzler Vranitzky mit dem ersten seiner fast schon sprichwörtlichen "Taferln" in arge Verlegenheit: darauf stand der Monatsbezug des damaligen steirischen AK- Direktors. Bei der Wiener AK-Wahl 1994 sackte die Wahlbeteiligung gegenüber 1989 von 40,2% auf 27,5% ab. Heinz Vogler trat noch vor der Nationalrats- wahl als AK-Präsident zurück. Das ist eine der möglichen Arten, ein Bild dieser Ereignisse zu zeichnen. Das präg_te auch einige Zeit das von den Medien kolportierte Bild der AK in der Öffentlichkeit: Missstände- Auf- deckung - Denkzettel - Rücktritt.. 27