28. Jahrgang (2002) , Sonderheft Wirtschaft und Gesell schaft Wenn auch von einem Gleichgewicht der Ressourcenausstattung keine Rede sein kann, so beruht die Sozialpartnerschaft doch auf einem zumin- dest einigermaßen ausgewogenen Stärkeverhältnis. 3.6 Machtverteilung Es liegt im gesamtgesellschaftlichen Interesse, dass wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Macht nicht konzentriert ist. Die Verteilung der Macht auf viele Träger erhöht die demokratische Qualität eines politischen Systems. ln Österreich stehen die Kammern einerseits dem wirtschaftspolitischen Akteur Staat gegenüber, andererseits sorgt die Symmetrie des Kammerwesens für eine einigermaßen ausgewogene Machtbalance zwischen den großen beruflichen Gruppen. Die noch vor kurzem für Österreich charakteristische Einbindung der Verbände in die Wirtschaftspolitik setzte umfassende und verpflichtungsfähige (innere Verbandsdisziplin) Organisationen voraus. Durch die PMS wurden diese Voraussetzungen erfüllt. Eine Aufhebung der PMS in den Kammern würde die Machtverteilung zugunsten des Staates und zugunsten weniger unternehmerischer Sonderinteressengruppen verändern. 28 3.7 Konsequenzen der Aufhebung der Pflichtmitgliedschaft Die Abschaffung der PMS sowohl bei Arbeiter- als auch bei Wirtschafts- kammer würde keinesfalls bedeuten, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber bei ihrem jeweiligen Bemühen um eine durchschlagskräftige, auf freiwilliger Mit- gliedschaft beruhende Interessenvertretung auf einer ähnlichen Ausgangs- position stünden. Organisationen, welche die Mobilisierung und Vertretung von großen, uneinheitlichen Gruppen (z.B. die Arbeitnehmerinnen einer Branche oder eines Wirtschaftssektors) bezwecken, haben aus mehreren Gründen eine ungleich schwierigere Aufgabe als Organisationen, welche sich die Vertretung einer der Zahl nach vergleichsweise kleinen Gruppe (z.B. von Unternehmungen eines Industriezweiges) zum Ziel setzen: - Eine kleine Zahl an potenziellen Mitgliedern bedeutet, dass die Kosten der Mobilisierung und Koordination gering sind, der individuelle Nutzen der Teilnehmer aus der Interessenvertretung aber relativ hoch ist. - ln Kleingruppen kann das Trittbrettfahrer-Problem gelöst werden (siehe oben 2.2.2). Jene Marktteilnehmer also, welche bei freiem Spiel der Kräfte die gün- stigsten Ausgangspositionen einnehmen, große und mittlere Unterneh- mungen nämlich, können mit den geringsten Schwierigkeiten effektive ln- teressenverbände bilden. Insgesamt würde sich somit eine stark ungleichgewichtige Situation ergeben: Einer überwiegend straff organisierten Arbeitgeberseite stünden auf der Arbeitnehmerseite einige umfassend vertretene, durchschlags- kräftige Bereiche, aber auch eine Reihe von sehr unzulänglich organisier- ten Arbeitnehmergruppen gegenüber. 79