Wirtschaft und Gesell schaft 28. Jahrgang (2002), Sonderheft liert, an ihre Ressentiments, ihre Faulheit und ihre Gier. Das war nie Kenn- zeichen der klassischen Arbeiterbewegung, es ist stete Versuchung in populistischen Zeiten. Arbeitnehmerpolitik muss im Gegenteil die besten Seiten der Menschen herausstellen und diese pflegen und entfalten. Das geschieht auch jenseits konkreter Versprechungen; zuweilen gilt es auch Grundsatzfragen zu thematisieren, im Hinblick auf die man nichts "tun" kann. Herausforderungen sind nicht gleichbedeutend mit beliebigen Forderun- gen oder mit Überforderung. Natürlich gibt es Flexibilisierungsgrenzen, das heißt aber auch: Grenzen des liberalen Programms. Der Markt ist immer ebenso innovativ wie destruktiv.34 Die Wahrnehmung einer adäquaten Rolle für Marktprozesse heißt nicht, dass man seinen Frieden macht mit allen Formen einer neoliberalen Ideologie. Globalisierungsjubel ist be- grenzt glaubwürdig: Auch die gute Botschaft, dass man sich dies und jenes in Zukunft selbst zahlen müsse und dadurch einen ungeheuren "Frei- heitsgewinn" erzielen könne, ist nicht immer überzeugend. Der "flexible Mensch"35 ist ein Elitenprogramm, keine verstehbare Lebensperspektive für alle und gerade für "Normalmenschen" sehr oft kein erstrebenswertes Modell. Je dynamischer und vermarktlichter die Gesellschaft ist, desto schwerer tut sie sich mit Halbleistungsfähigen, die gleichwohl, da man sie nicht wegzaubern oder zur Gänze gettoisieren kann, integriert werden müssen. Es bleibt gültig, dass ein Markt im Rahmen von Normen funktioniert; dass eine Gesellschaft ohne Vertrauen gar nicht funktioniert; 36 und dass deswegen der Wohlfahrtsstaat37 eine gewohnte und geschätzte Konfiguration ist. 38 Alle diese alten Besorgnisse und Warnungen sind zu- treffend, so neoliberal und liberalprogressiv sich die Wirtschaftspropa- ganda auch geben mag.39 Natürlich geht es somit trotz des Perspektivenwechsels um Reform und Aufrechterhaltung des Sozialstaates, den in Wahrheit kein vernünftiger europäischer Politiker demontieren will; die treffende Formulierung ist die von der "solidarischen Hoch Ieistungsgeseiischaft". Da stimmt es nachdenk- lich, wenn politische Kreise sich mit einer solchen Formulierung nicht anfreunden können, handelt es sich doch um einen essentiellen Bereich dessen, was immer vernünftige Sozialpartner-Politik ausgemacht hat. Die solidarische Hochleistungs-Gesellschaft ist gleichermaßen ein politisches und ein wirtschaftliches Konzept. Es gilt das Resümee Franz-Xaver Kauf- manns: "Wenn es [ ... [ richtig ist, dass Sozialpolitik es mit der Vermittlung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft zu tun hat, oder moderner formu- liert: mit der Abarbeitung der Folgeprobleme einer funktionsorientierten Strukturdifferenzierung sich modernisierender Gesellschaften, so kann es nicht genügen, die Dinge entweder aus der Sicht des Staates - also juristisch oder politikwissenschaftlich - oder aus der Sicht der Marktwirt- schaft bzw. einem breiter ansetzenden Konzept der Versorgung und der Wohlfahrtsproduktion - also ökonomisch oder soziologisch - zu betrach- ten. Es kommt vielmehr gerade auf eine Verschränkung der disziplinären Perspektiven an, um das hybride Gebilde ,Sozialpolitik' oder ,Sozialstaat' in 98