Wirtschaft und Gesellschaft 29. Jahrgang (2003), Heft 2 Gewaltvermeidung: Das europä ische Ein igungsbestreben beruht zunächst einmal auf dem Wunsch, dieses besonders blutrünstige und konfliktträchtige Stück Land, die westl iche Halbinsel des asiatischen Kontinents, zu befrieden ; nach dem Grundsatz: Wo es keine Staatsgren­ zen mehr gibt, können (per definitionem) keine zwischenstaatlichen Krie­ ge geführt werden, und bewaffnete Konflikte sind auch (per realitatem) durch d ie engen Verflechtungen unwahrscheinl icher: 13 Bürgerkriege kön­ nen auch leichter vermieden werden, wenn Territorien in einem größeren Ensemble geborgen sind - was möglicherweise ohnehin eine I l lusion ist. ln der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist in der Tat eine einzigarti­ ge Friedensregion im europäischen Kern geschaffen worden; und die Hoffnung besteht, dass es gelingt, diese Stabil itätszone nach Osten und Süden auszudehnen. Das Neue Europa macht bestimmte unerfreuliche Politikformen unwahrscheinl icher: Handlungsfähigkeit Das Einigungsbestreben beruht weiters auf der Erkenntnis, dass eine engere Zusammenarbeit in einer faktisch sich ver­ netzenden Welt zu einer Notwendigkeit geworden ist, der nicht zu folgen wesentl iche Wohlstandsverluste zur Folge hätte. I ntegration wird durch Souveränitätsverzicht erkauft, aber dieser ist für alle vortei lhaft. 14 I nteg­ ration entspricht auch dem Lauf der Geschichte, der Verdrängung klei­ nerer politischer Einheiten durch größere, wie schon der soziologische Klassiker Herbert Spencer festgestellt hat. 15 Einzelgängerturn müsste in einer technologisch-kommunikativ-wirtschaftl ich verflochtenen Welt durch Produktivitätsverluste und Handlungsbeschränkungen bezahlt werden. Man kann deshalb das Neue Europa als Versuch verstehen, eine bereits verloren gegangene politische Handlungsfähigkeit durch gemeinsame Strategie und Rahmensetzung wiederzuerlangen , in der langsamen Bewusstwerdung, dass in d ieser Welt kein Staat allein mehr durchsetzungsfähig ist. Es entsteht eine Art "Weltinnenpolitik",16 im Rah­ men der Europäischen Gemeinschaft eine viel intensivere "Europainnen­ politik". Dass innere (beschränkte) Souveränität nur noch durch Koope­ ration zu sichern ist, die Souveränität aber im Alleingang noch geringer wäre, gi lt besonders für kleine Länder; es gi lt aber selbst für große Mäch­ te. Es gi lt vor al lem mit dem Blick auf globale Verflechtungen (Finanz­ ströme, Kommunikation , Wissen) und globale Probleme (Klima, Terro­ rismus, Drogen, Migration), und es ist nach wie vor ein wesentliches Element für Verkehr, Sicherheit und andere Themenbereiche. Das Neue Europa macht bestimmte (erwünschte) Politikentscheidungen wieder möglich. Produktivität: Das Neue Europa ist schließl ich - hinter al l dem wohl­ klingenden Gerede - als ein wirtschaftsl iberales Projekt gestartet wor­ den. Das Neue Europa ist begründet als die Intensivierung einer Frei­ handelszone, als die Generalisierung wirtschaftlicher Freiheiten. Die vier 164