29. Jahrgang (2003), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft als Folie und die Gleichberechtigung aller europäischen Bürger als Maßstab,45 und seine Interpretationen erwecken heute oft den Ein­ druck, es handle sich erst um das Vorspiel zu weitergehenden Ver­ einheitl ichungen . • Brüssel erlässt Richtlinien, die nationalstaatl iche Rechtsbereiche determinieren und tendenziell vereinheitl ichen ; Richtl inien sind aber längst nicht mehr nur allgemeine Rahmenvorgaben , sondern stellen oft recht konkrete " Inseln" im nationalstaatl iehen Rechtsgefüge dar. • Zudem wird Zug um Zug eine neue Rechtsebene dort eingeschoben , wo keine Gemeinschaftskompetenzen bestehen ; einfach aus Grün­ den der Praktikabil ität. Es wird nicht so rasch zur Rechtsvereinheitl i­ chung kommen , aber es wird eine zweite dispositive Rechtsstruktur angeboten, auf die man vertragl ich zurückgreifen kann. (Man belässt nationales Gesellschaftsrecht, stellt aber das Modell einer Europäi­ schen Aktiengesellschaft zur Verfügung. Man belässt nationales Ver­ tragsrecht, bietet aber die Option eines transnationalen Vertrags­ rechts an, dessen sich Vertragspartner bedienen können .) Es handelt sich um eine schleichende Ersetzung nationaler Rechtsbestände. Daneben gibt es auch die Tendenz zur faktischen Integration, vor allem vorangetrieben durch die wirtschaftliche Verflechtung. Es setzt sich eine Interdependenzlogik durch , die zum Autonomieverlust der Nationalstaa­ ten beiträgt. Das europäisch-nationalstaatl iche Gesel lschaftsmodell steht unter starkem Wandlungsdruck. Kennzeichnend für d ie Durch­ schlagskraft des europäischen Politikgeschehens sind gerade jene Kon­ vergenzprozesse, die in den Politikbereichen stattfinden, die im Grunde unzweifelhaft im staatl ichen Kompetenzbereich verbl ieben sind. Tatsäch­ l ich wäre es unzureichend, wollte man nur auf die offizielle Kompetenz­ verteilung achten. Bildungspolitik ist das beste Beispiel . Die Integrationsdynamik stammt nicht nur aus diesen Prozessen , sie wird auch durch zwei weitere Umstände forciert. • Erstens gibt es einen Sperrkl inkeneffekt Die Dynamik des Integra­ tionsprozesses ist nicht immer gewollt. Der I ntegrationsprozess ist eine Einbahnstraße. Regierungen können von früheren Vereinbarun­ gen nicht mehr zurücktreten, auch wenn sich die innenpolitische Szene geändert hat. Das ist ein Unterschied zur innerstaatlichen Poli­ tiklogik, wo manche Maßnahmen der früheren durch eine neue Regierung rückgängig gemacht werden können. • Zweitens gibt es einen Überlastungseffekt. Die I ntegration wird auch durch die Fülle der Themen und Entscheidungen vorangetrieben: Nationale Regierungen sind oft nicht in der Lage, zu überblicken , was geschieht, und sie können die Entscheidungen deshalb unzureichend beeinflussen oder kontroll ieren. I nsbesondere können n ichtintendier­ te Folgen von Entscheidungen n icht überblickt werden. 173